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Erster Band.
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H 25. Drittes Kapitel: Das babylonisch-assyrische Reich. 59

Priesterschaft sorgsam gehütet, sich ungeschwücht erhielt. In den religiösen Vorstellungengehen dabei friedlich nebeneinander her das beständige Eingreifen der Gottheit in alleDinge des Lebens und das Gesühl der Sünde und Schuld, die von den Göttern gerächtwerden, wenn sich der Sünder nicht bußfertig an ihre Barmherzigkeit und Gnade wendet.— In herrlichen Tempeln wurden die Unsterblichen angebetet, und wohl keine Königs-urkunde ist zu finden, in der nicht die frommen Fürsten von großartigen Tempelbautcnberichten und ihre Bemühungen um den heimischen Kultus in Helles Licht zu stellen suchen.Die Götterbilder und ihr „Allerhciligstcs" strahlten von Gold und Edelsteinen, und durchzahlreiche Opfer, die nur die Priesterschaft darzubringen befugt war, bezeugten die altenBabylonier und Assyrier ihre Frömmigkeit. Altertümliche Kulte wurden aufs sorgsamstewieder zu neuem Leben erweckt, und es ist ein charakteristisches Zeichen, daß gerade in denZeiten der höchsten Not sich Großkönige, wie Assarhaddon und Nabuna-id, einer leidenschaft-lichen Religiosität ergaben und von den Göttern Hilfe erhofften und durch überreicheGaben zu gewinnen suchten, wo Menschenhilfe umsonst war. Selbst in den ältesten Zeitenfinden wir keine Menschenopfer, Wohl aber ist für die gesamte babylonisch-assyrische Kulturdas Opfer der weiblichen Keuschheit zu Ehren der Jstar bezeichnend, wie für die vorder-asiatischen Völker das Opfer der Mannheit; das scheint mit den mannweiblichen Vor-stellungen von den Göttern (wie bei Jstar) in Zusammenhang zu stehen, denen durch dasAufgeben dieser Güter eine hohe Ehre erwiesen wurde.

Von den mythologischen Vorstellungen des Volkes und seinen religiösenLegenden wissen wir jetzt mancherlei aus den Berichten über die Sintflut, den zahlreichenHymnen und dem sogenannten Nimrod-(Jzdubar-)Epos. — Die Schöpsungssage, die insieben leider sehr zertrümmerten Tafeln auf uns gekommen ist und sich in vielen Stückenmit der Genesis berührt, zeigt uns den Kampf des höchsten Gottes Merodach mit derTiamat (dem Chaos) ünd nach dessen Siege die Erschaffung und Ordnung der Welt. —Die Hymnen, die in großer Anzahl erhalten sind und aus den verschiedensten Jahr-hunderten stammen, sprechen von den hohen Eigenschaften der Götter und wenden sich,oft im Tone den Psalmisten ähnlich, an deren große Güte und Barmherzigkeit. — DasNimrod-(Jzdubar-)Epos endlich schildert uns auf zwölf Tafeln die Geschichte Jzdu-bars (der Name ist unsicher), eines halbmythischen Heros, dessen Thaten unter dem Schutzedes Sonnengottes geschehen und in vieler Beziehung an die Arbeiten des Herakles erinnern.Besonders wertvoll ist die darin enthaltene Schilderung der Sintflut, die sich sehr oft mitdem Bericht des 1. Buches Mose deckt, jedoch in einer unzweifelhaft älteren Fassung vor-liegt. Daß sich neben der eigentlichen Religion auch mannigfacher Aberglaube fand, istvon vornherein wahrscheinlich und findet seine Bestätigung darin, daß noch das späteAltertum Chaldäer und Zauberer für gleichbedeutend ansah. Unzählige Dämonen bevölkertendie Welt, und ganze Heere von Beschwörern waren gegen sie beschäftigt. Besonders gernknüpfte der Aberglaube aber an die Zahlen an, und die Drei und Sieben verdanken jenenfrühen Zeiten ihre Bedeutung für Glück und Unglück. — Den Verkehr zwischen Götternund Menschen vermittelte eine zahlreiche und mächtige Priesterschaft, gewöhnlich Magiergenannt. Ihre Hauptmacht bestand darin, daß man glaubte, sie seien im Besitze vonFormeln und geweihten Worten, die selbst über die Götter Macht besäßen. Der Geisterkult,den sie neben der Staatsreligion pflegten, gab ihnen ein hohes Ansehen, mit dem es selbstdie gewaltigsten Großkönige nicht verderben durften. Zugleich waren sie auch die eigentlichenTräger der Wissenschaft.

§ 25. Wissenschaften und Künste. Die Magier verstanden es stets, die Wissenschaftim Banne ihrer Theologie zu halten. Sie waren die ersten Kenner der Arzneikunde, daKrankheit als ein Werk der Dämonen galt, und sie waren die ersten Astrologen und Astro-nomen, da ja der Lauf der Gestirne in engem Zusammenhang mit den Schicksalen derMenschcnwelt stand. Als Mediziner leisteteten die Magier nicht viel. Sie hatten zwareinige anatomische Kenntnisse, aber ihr Heilverfahren beschränkte sich auf die Anwendungvon Beschwörungsformeln. Dagegen leisteten sie als Astronomen und Mathematiker Ge-waltiges. Sie hatten schon Längen-, Flüchen- und Körpermaße und Gewichte auf ein unddasselbe Längenmaß gegründet, eine Einrichtung, die erst die Neuzeit in dem Metershstemwieder aufnahm. Ihr Zahlensystem beruhte auf einer Verschmelzung des Sexagesimalsystemsmit dem Decimalsystem, und so haben wir denn heute noch in den 60 Minuten der Stunde,den 60 Sekunden der Minute, den 12 Stunden des Tages, den zwölf Bildern des Tier-kreises und den 360 Graden des Kreises direkte Nachklänge der altbabylonifchen Wissen-schaft. — Die höchste Achtung aber zwingen uns die Babylonier durch ihre astronomischenKenntnisse ab, die von einer unermüdlichen Beobachtung des Himmels zeugen. Freilich istdabei alles stark von astrologischem Beiwerk durchsetzt. Sie konnten den Ausgang der

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