60 Erstes Buch: Die morgenländischen Völker. Z 25.
Gestirne und die Sonnen- und Mondfinsternisse berechnen und kannten sehr Wohl dasastronomische Sonnenjahr, das sie auf 365^/4 Tag berechneten. In der Zeitrechnung ver-wendeten sie das Mondjahr von 354 Tagen und schoben, um die Übereinstimmung zu erreichen,gelegentlich einen Schaltmonat ein. Die sieben Tage der Woche benannten sie nach ihrerPlanetenliste, und auch diese babylonische Einrichtung ist bis aus unsere Tage gekommen, ebensowie ihre Monatsnamen in dem jüdischen Kalender noch heute im Gebrauch sind. — Daß dasbabylonische Volk auch in der Rechtswissenschaft Bedeutendes leistete, beweisen die zahl-reichen Privaturkunden von Hammurabis Zeiten bis auf Nabuna-id. Besonders hoch standenaber bei ihnen, den Großmachtsbestrebungen der spätern Assyrerfürsten entsprechend, dieKenntnisse in den Sprachen und die Fähigkeit, sie durch Zeichen auszudrücken.
Alles, was uns in direkten Quellen aus Assyrien überliefert ist, wurde in der soge-HeUschrist nannten Keilschrift aufgezeichnet. Sie scheint von den Sumeriern herzustammen und aufsämtliche vorderasiatische Sprachen angewendet worden zu sein. Ursprünglich war es ent-sprechend den Hieroglyphen eine Bilderschrift, aus der sich nach und nach Ideogramme ent-wickelten, deren Bedeutung sich mit den ursprünglichen Bildern keineswegs deckte. Nur diealte Lautbediutung war geblieben. Da als Material für die Übermittlung der Schrift-stücke meist Stein- oder Thoutafeln gewählt wurden, so ist die Anwendung geradlinigerCharaktere und die Entstehung der sogenannten Keilschrift leicht erklärlich. In denklassischen Zeiten der assyrischen Großmacht drückt diese Schrift durch jedes Zeichen eineSilbe aus, d. h. entweder einen Vokal, oder den Konsonanten und den ihn zum Tönenbringenden Vokal. Die Zahl der Zeichen betrug ursprünglich gegen 400, ist aber in derberühmten Bisitn Umschrift von Dareios I. bis auf 43 abgemindert. In Gebrauch scheint dieseSchrift bis in die Diadochenzeit gewesen zu sein. Berossos wenigstens, der ein Werk „Baby-lonische Geschichte" verfaßte <um 280), konnte sie noch lesen. Dann verschwand ihre Kenntnis,1801 und erst dem genialen Scharfblick von G. F. Grotefend gelang es, den Schlüssel zu der ver-lorenen Sprache zu finden. Ihm und der Schar ihm nachstrebender Assyriologen verdankenwir die Erkenntnis, daß wir es in den Keilinschriften mit den Denkmälern eines semitischenVolkes zu thun haben, und Oppert hat uns gelehrt, daß vor den Assyriern und Babhlonierndie Sumerier da waren, die eigentlichen Väter der mesopotamischen Kultur. — Die Denkmäleraus jenen Tagen sind außerordentlich zahlreich, und noch immer geschehen neue Funde. Diewichtigste Erwerbung war Wohl die Thontafelbibliothek Assurbanipals, mehrerertausend auf beiden Seiten eng beschriebener Thontafeln, die einen genauen Einblick in dasWissen der Assyrer gestatten. Besonders interessant sind die sogenannten Syllabare, eineReihe von Täfelchen, die altsumerische Worte erklären und in das Assyrische übersehen. Ohneihre Hilfe würde noch sehr vieles unverständlich geblieben sein. — Neuerdings haben dieFunde von 3000 Kontrakttäselchen in Babylon und von der Korrespondenz, die die Groß-könige von Babylon mit den Pharaonen geführt haben und die in Teil el Amarna inÄgypten ans Licht traten (I 37), großes Aufsehen erregt. Berufene Forscher stellen dievorhandenen Schätze, die wohl kaum den hundertsten Teil von dem ausmachen, was nochzu finden ist, als so groß dar, daß die Gelehrten noch auf lange Zeit vollauf zu thunhaben, um das Material zu sichten und in einer „für weitere Zwecke verwendbaren Form"zu bearbeiten. Darum wird auch die Geschichtschreibung sich gerade hier besonders be-schränken müssen und nur das vortragen dürfen, was allgemein als völlig gesichert gilt.
Künste Auch in den Künsten brachten es diese Bewohner des Zwischenstromlandes zu hoher
Blüte. Wie alles bei ihnen im Dienste der Religion stand, so werden wir als die hervor-ragendsten Baudenkmäler wohl die Tempel der Götter erwarten dürfen. Und in derThat hat der Tempelbau der Babylonier zu allen Zeiten das Staunen der Völker erregt.Noch heute zwingen die Reste der babylonischen Tempeltürme, die in mehreren Terrassenstufenförmig aufstiegen, zur Bewunderung. Daneben hören wir von den prachtvollenPalästen, die sich die assyrischen Großkönige erbauten und die sich besonders durch die großenHallen wie ihre mit glasierten Ziegeln bedeckten Wände auszeichneten. — Geschmückt warendiese Baudenkmäler durch Werke der bildenden Kunst, besonders durch Skulpturen, deren Stil inder assyrischen Zeit stereotyp geworden war und zu einer hohen Vollkommenheit durchgebildetwurde. Die Gegenstände waren entweder auf den Reliefs dem Leben der Könige entnommenund bildeten wie in Ägypten eine fortlaufende Illustration zu dem dazu geschriebenen Texte,oder sie dienten als Bildhauerwerke zum Schmucke der Paläste. Einige von ihnen sindvon überraschender Naturwahrheit. Die Phantasie der Assyrer gefiel sich besonders in derDarstellung von Fabelwesen, und wie der Sphinx für Ägypten, ist der Stierkoloß mit demMenschenhaupt für sie charakteristisch. Die halberhabenen Reliefs der Königspaläste bildenneben den schönen Bronzebildnereien der Thore von Balawat die wichtigsten Denkmälerassyrischer Kunst. Auf ihnen zeigt sich am deutlichsten der eigentlich babylonisch-assyrische