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Erstes Buch: Die morgenländischen Völker.
54.
Worte, deren Wahrheit Krösus bald nach Solons Abreise erfahren hatte, als ihm seinLieblingssohu Aths auf der Jagd durch einen Speer getötet ward, kamen jetzt dem ge-fangenen Könige ins Gedächtnis, und er rief schmerzlich aus: „O Solon, Solon, Salon!"Der Ausruf weckte die Neugierde des Perserkönigs. Er ließ sich den Vorgang erzählenund schenkte dem Gefangenen die Strafe. Herodot, der Geschichtschreiber dieser Begeben-heiten, verweilt mit Vorliebe bei dieser Sage, weil sie ihm Beweise liefert für seineGrundanschauung der menschlichen Verhältnisse, „daß diese nämlich allein durch einen un-wandelbaren Ratschluß der Gottheit geordnet seien, die Unrecht und Übermut strafe, aberauch aus einem gewissen Neide, aus Eifersucht auf ihre höhere Macht das allzu große Glückder Sterblichen mit ihrem Hasse verfolge und es demütige und vernichte" (Z 82, 91). Diebeabsichtigte Verbrennung des Krösus scheint übrigens mit der lhdischen Sitte des Feuer-opfers in Zusammenhang zu stehen und auf eine freiwillige Tötung des besiegten Königs,wie Bakchhlides (H 86) dies darstellt, hinzuweisen-
^Babylon" Mit gleichem Glücke unterwarf sich Kyros das babylonische Reich.
53S-S3S Als die Heere heranzogen, rief eine Prophetenstimme im Namen Jahvesaus: „Ich halte Koresch (Kyros), meinen Gesalbten, bei seiner Rechten,um vor ihm Nationen zu stürzen und der Könige Hüften zu entgürtenund vor ihm die Thore zu öffnen. Ich will vor dir hergehen unddie Höcker ebnen; eherne Pforten will ich sprengen und eiserne Riegel
B<S°ns wegschlagen." Im Felde überwunden, zogen sich die Babylonier inihre feste Stadt zurück, wo ihr König Nabonetos (Nabuna'id, Z 23)große Vorräte hatte aufspeichern lassen. Aber die Perser drangen desNachts in die Stadt und eroberten das Land; die Stadt Babylon selbsterhob Kyros zur Hauptstadt seines Reiches und setzte seinen Sohn K amb h se sals Vizekönig ein. Dadurch kamen auch Syrien, Palästina und Phönizienunter die Herrschaft der Perser, denen somit der Weg nach Ägypten offen-stand, der letzten Macht der antipersischen Koalition, die noch unbezwnngengeblieben war. „Wie hat's ein Ende genommen mit dem Dränger, einEnde mit der Erpressung!" rief damals dieselbe Prophetenstimme aus. „Eszerbrach Jahve den Stab der Frevler, den Stecken der Tyrannen, der dieVölker schlug im Zorn mit Schlägen ohne Unterlaß, der im Grimm überNationen herrschte, mit Verfolgung ohne Einhalt." Den gefangenen Judengab Kyros die Tempelgesäße und heiligen Geräte zurück, die Nebnkadnezareinst aus Jerusalem weggeführt hatte, und gestattete ihnen die Rückkehrin die Heimat (Z 50). Sie sollten ihm wahrscheinlich den Weg bahnen,wenn er gegen Ägypten ziehen würde.
Ausgang Die letzten Jahre von Kyros' Regierung sind fast ganz unbekannt. ErWo scheint im Bestreben, seine Macht nach Osten zu erweitern, in einem Kampfegegen die turanischen Nomaden sein Ende gesunden zu haben. Beigesetztwurde er in Pasargadä, dem Stammsitze seines Geschlechts; noch jetzt stehtdort seine Grabkammer, ein einfacher Quaderbau aus einer Terrasse, ge-schmückt mit dem Bilde eines geflügelten Mannes und der einfachen,stolzen Inschrift: „Ich bin König Kyros, der Achämenide." Mit Kyrosging einer der Menschen zu Grabe, wie nicht jedes Volk und jedes Jahr-hundert sie hervorbringt. „Er hat wie Cäsar den geheimnisvollen Zauberbesessen, dem alles sich fügen muß. In dem Edelmut, wie er seine Gegnerbehandelte, tritt auch uns noch der Adel seines Charakters entgegen. Denbesiegten ebenbürtigen Gegner zu achten und zu schonen ist allen seinenNachfolgern Grundsatz geblieben. Seinen Persern gegenüber war undblieb er der Volkskönig, der in Übereinstimmung mit den Edeln seinesLandes handelt, und in wenig mehr als einem Jahrzehnt hat er sie auseinem wenig civilisierten Kriegervolk zu Herrschern der Welt gemacht."