H 101. Drittes Kapitel: Von den Perserkriegen bis zum Tode des Epaminondas. 221
Schon zur Zeit der Perserkriege und in den nächsten Jahrzehnten blühtendie größten dramatischen Dichter Äschylos, Sophokles und Euripides,deren Leben mit der Schlacht von Salamis so verknüpft ward, daß, wiedie Sage meldet, der sünfundvierzigjährige Äschylos in den Reichen der Kämpferfocht, der fünfzehnjährige Sophokles an der nach der Schlacht angeordnetenSiegesfeier im Chöre der Jünglinge Anteil nahm, Euripides aber an dem-selben Tage geboren wurde. Diese drei Dichter brachten das ernste Drama(Tragödie, Trauerspiel) zur Vollendung. — In den sieben Stücken des Äschyloserkennt man die mächtige Zeit der Perserkriege, in der eine edle Begeisterung dieGriechen zu großen Thaten führte. Seine Stücke, die der kühne Gedankenflugund die gehobene feierliche Sprache hie und da dunkel machen, atmen durch-gängig Scheu vor den Göttern, Achtung vor den alten Staatseinrichtungenund das Selbstgefühl einer hohen Menschenseele. — In Sophokles' Tra-gödien, von denen uns ebenfalls nur noch sieben erhalten sind, spiegelt sichdas perikleische Zeitalter mit seiner demokratischen Gleichheit, seiner lebensfrohenHeiterkeit und geistreichen Geselligkeit ab. Bei ihm ist Schönheit, harmonischesWesen und Zartheit der Empfindungen vorherrschend. Seine Personen handelnselbständiger und freier als bei Äschylos, aber überall schwebt über der Freiheitdes einzelnen die Schickfalsnotwendigkeit. — Euripides, von dem wir19 Stücke besitzen, ist der Repräsentant einer schon verweichlichteren Zeit, einKind der sophistischen und sokratischen Aufklärung (Z 113). Gerichtsscenen,an denen das Volk im Leben so großes Gefallen fand, kunstgerechte Redennach den Regeln der Schule, Sprüche und Gemeinplätze, wie sie die damaligenPhilosophen im Munde führten, werden mit Vorliebe angewendet. Die Götter-und Heroenwelt wird in den Kreis menschlicher Eindrücke und Lebensinteressengezogen, und das wahre Gefühl seiner Vorgänger sucht er durch Empfindsamkeit,ihre schöpferische Kraft durch erlernte Kunstregeln, Glätte und Zierlichkeit derSprache zu ersetzen. Aber an Erkenntnis des menschlichen Herzens und anvielseitiger Auffassung der Leidenschaften verrät auch er den hohen Geist derperikleischen Zeit. Neben diesen unleugbaren Vorzügen, die schon die Alten an-erkannten, stand freilich eine gewisse Sorglosigkeit'in der Verwendung der Kunst-mittel, und schon sein großer Zeitgenosse Aristophanes tadelte an ihm dieEinförmigkeit der Prologe, die allzusehr auf den musikalischen Effekt berechnetenlyrischen Stellen und das Durchhauen des dramatischen Knotens durch denallzuhäufig auftretenden äous ex muodiim.
Thespis aus Jkaria in Attika wurde dadurch der Schöpfer der Tragödie, daß erzur Einleitung in die dithyrambischen Dionysosgesänge und in der Mitte derselben durcheinen vom Chöre getrennten Schauspieler irgend einen Mythos aus dem dionysischenSagenstoff, selten aus anderen Mythenkreisen, als Episode(Zwischenlied) in einem Monologvortragen ließ. Im Jahre 536 führte er in Athen die erste Tragödie auf. Phrynkchoswagte sich einen Schritt weiter, indem er seine Stoffe nicht nur frei aus dem ganzen Gebieteder griechischen Götter- und Heldensagen wühlte, sondern sogar auf das geschichtliche Feldübergriff. Durch seine „Zerstörung Milets" versetzte er die Zuschauer in solche Rührung,daß er deshalb in eine Strafe verfiel. Wahrscheinlich hatte er darin den Athenern, diesich bei dem Aufstande der kleinasiatischen Griechen (Z 92) nicht sehr rühmlich benommenhatten, ihre llnthätigkeit streng vorgehalten. — Sein Zeitgenosse Äschylos von Athenwurde durch Beifügung eines zweiten Schauspielers der Begründer des Dialogsund somit der eigentliche Schöpfer der tragischen Kunst. Durch seinen thätigen Anteil anden Perserkriegen wurde er tief ergriffen von dem allgemeinen Aufschwung seines Vater-landes; sie erregten in ihm das Bewußtsein hellenischer Nationalität, weckten dasreligiöse Gefühl und das Nachdenken über das Verhältnis der Gottheit zur mensch-lichen Existenz; sie erzeugten „eine über gewöhnliche Neigungen erhabene Sittlichkeit",einen festen, energischen Charakter und eine großartige Weltanschauung. „Äschylosdichtet wie berauscht in gottbegeistertem Wahne; seine Dichtungen sind nicht Schöpfungender Kunst, sondern Gaben des göttlichen Genius; bei ihm ist keine Rede von klügelnderKünstelei, keine Spur von kühler Reflexion, kein Schein von fremder, aus anderem Mundeentlehnter Weisheit; aus dem unerschöpflichen Born seiner eigenen göttlichen Natur quellen
u) Tragödie
Äschylos
Sophokles
Euripides
Thespisum SS0
Phrynichosum 4gll
Äschylos
525-456