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Erster Band.
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Z 101. Drittes Kapitel: Von den Perserkriegen bis zum Tode des Epaminondas. 223

tragende Ajax und der Philoktet gehören dem Sagenkreise des Trojanerkrieges an(Z 67); in jenem wird gezeigt, „daß die Selbstüberschätzung der Heldenkraft ohne Demutvor Gott und dem Übersinnlichen in wilden Frevel umschlügt", in diesem, „daß makelloseBiederkeit ohne weltkluge Heuchelei ein unermeßliches Merkmal der echten Heldennatur undritterlichen Mannheit sei". Elektra behandelt (wie die Choephoren des Äschhlos) einenTeil der Atridensage und zeigt uns den Tod der verbrecherischen Eltern; dieTrachinie-rinnen behandeln den Untergang des Herakles (Z 64).

Euripides, trotz seiner bescheidenen Herkunft mit einer guten Erziehung ausgerüstet,schloß sich frühe an den skeptischen Philosophen Anaxagoras (Z 90) an und teilte in derFolge die Bestrebungen der Sophisten (Z 113). Daher rührt feine Neigung zum Grübeln,seine Vorliebe für das philosophische und reflektierende Denken, seine Zurückgezogenheit vomöffentlichen Leben in das Studierzimmer, wodurch er der Welt entfremdet wurde und weshalber an der athenischen Volksherrschaft/ deren Sittenmaler und Sprecher er doch war, keinenAnteil nahm. Vom Volke wenig gekannt, von den Kritikern und Satirikern unaufhörlich ver-spottet, in seinem häuslichen Leben durch zwei unglückliche Ehen verkümmert, folgte er imhohen Alter einer Einladung des Königs Archelaos nach Makedonien, wo er nach der Sagean dem Bisse einiger von Neidern auf ihn gehetzten Jagdhunde starb. Euripides soll vonstrengem, herbem Charakter gewesen sein; seine ergreifende Schilderung der Leidenschaftenund des menschlichen Elends verschaffte ihm den Ruf des „tragischsten" unter den Dichtern.Trotz seiner gewandten, geschmeidigen Sprache, seiner glatten Form, feines zierlichen,fließenden Stils lassen sich doch die Spuren des beginnenden Versalls der dramatischenKunst nicht verkennen. Der Mangel an würdiger Erfassung des Göttlichen, der sich inEuripides' Dramen kund giebt, mochte von der skeptisch philosophischen Bildung herrühren;die Heroen und Götter erscheinen bei ihm bekleidet mit allen menschlichen Schwächenund Leidenschaften. Zweifel und Verneinung treten oft in grellen Tönen hervor, unddie Volksreligion erfährt häufige Angriffe. Euripides versetzte die Tragödie aus demBoden der objektiven Natur und idealen Gemütswelt in die Sphäre des reflektierendenVerstandes und der subjektiven Empfindsamkeit und suchte durchs sinnlicheRührung, durch wortreiche Gesühlsbeschreibungen, durch rhetorisches Pathos, durch L-entenzen,Spitzfindigkeiten und Antithesen und durch Auskramen eines gelehrten Prunkes Eindruckzu machen. Euripides führte zuerst die Sitte ein, durch einen Prolog den Zuschauer zumvoraus auf den rechten Standpunkt zu stellen, und machte durch Vermehrung der Schau-spieler und Erweiterung der Dialoge den Chor zur Nebensache. Wo er den Chor anwendet,ist er nur Beiwerk, um wahrend der Pausen der Handlung die Zuschauer durch lyrischeGesänge zu ergötzen für die es ihm an Talent nicht fehlte. Aus seinem reichen drama-tischen Nachlaß sind uns, außer zahlreichen Bruchstücken, achtzehn vollständige Tragödienund ein Satyrspiel, der Kyklops, erhalten, in ihrer Fülle von jeher eine Fundgrube fürDramatiker und Kunstrichter. Neben vielem Geringwertigen gelang es diesem Dichter doch,die ewigen Gestalten einer Medea und Jphigenia zu schaffen, und Wohl keiner vor ihmhat wie er die leidenschaftlichen Töne des menschlichen Herzens erklingen lassen. Diese Eigen-schaften, die den Kunstrichtern nicht zusagten, weshalb sie ihm auch nur selten den Preisin den Wettkämpfen zuerkannten, gefielen dem Volke, das unzählige Stellen aus seinenStücken auswendig wußte und im Munde führte, und sowohl die Redner als die nachfolgendenTragiker studierten seine Werke sehr fleißig.

Unter seinen zahlreichen Nachahmern sind der glatte, redegewandte, sophistisch ge-bildete Agathon (um 430), in dessen Tragödien sich der überreizte Geschmack einer verweich-lichten Zeit kund giebt, und Karkinos aus Akragas die beachtenswertesten. Außer diesenwurden im Altertum noch Ion von Chios (um 454) wegen feiner Glätte und Korrektheit undAchäos von Eretria (um 447) wegen seiner Geschicklichkeit im Satyrdrama gepriesen. WennEuripides seine Götter und Heroen als Menschen darstellte, so ging Agathon noch einenSchritt weiter, indem er die mythischen Stoffe durch geschichtliche ersetzte. Auch räumte erder Tonkunst eine größere Bedeutung auf der Bühne ein. Durch ihn und Euripides er-langte die neue Richtung der Musik eines Phrynis und Timotheos 86) den Sieg.

Die griechischen Theater waren in der Regel sehr groß; sie standen gewöhnlich aufAnhöhen mit schöner Aussicht auf das Meer und über die Stadt hin. Das Innere zerfielin einen Halbkreis mit Stufensitzen für die Zuschauer, in die Orchestra für denChor mit einem Altar des Dionysos in der Mitte und in die Bühne, ein lang-gestrecktes schmales Rechteck von geringer Tiefe mit drei Thüren an der Hinterwand, ein-fachen, feststehenden Dekorationen und geringem Maschinenwesen. Anfangs übernahmendie Dichter selbst die Hauptrollen; die Chöre bestanden aus freien Bürgern (Cho-reuten), die den Dichter unterstützten; der aus der Klasse der Reichen gewühlte Fest-

Euripides

480-422

Nachfolger

des

Euripides

Das

griechische

Theater