102. Drittes Kapitel: Von den Perserkriegen bis zum Tode des Epaminondas. 227
felsens geweiht, geschmückt mit der herrlichen Korenhalle, deren Architrav vonJungfrauen (Karyatiden) getragen ward. Auch anderwärts schuf der Gemein-sinn der Bürger ihren Göttern das prunkvolle Haus, so den Zeustempelin Olympia, den Artemistempel in Ephesus, den Apollotempel in Delphiu. a. Selbst kleine unbemittelte Gemeinden, wie PHigalia in Elis, scheutenweder Zeit noch Geld, um ihrem Gott von den besten Künstlern in schönstemMaterial die Stätte bereiten zu lassen. Sogar in den Kolonien blühte derTempelbau auf. Akragas, Syrakus, Posidonia schmückten sich mit herrlichenDenkmalen, wenn auch aus weniger edlem Material wie Athen, so doch vonebenbürtiger Kunst. — Daneben finden sich die ersten Spuren des künstlerischen ProsanbauProsanbaues. Die alljährlich wiederkehrenden Thcaterausführungen zu Ehren desDionysos lenkten darauf hin, ständige Versammlungsorte, die diesem Zweckegeweiht waren, zu schaffen. Der Bodengestalt sich anschmiegend, vom Zuschauer-raum aus mit dem Blick auf das freie Meer, entstand das Dionysos-theater in Athen, gleich in seiner ersten Anlage ein genialer Wurf vonunnachahmlicher Feinheit der Linien. An seine Anlage schließen sich fastalle griechischen Theater an; erst den Römern war es beschieden, den nächstenSchritt zu thun, indem sie die Amphitheater anlegten. Ein weiterer Profanbauwar die köstliche Propyläenhalle, der breite säulengeschmückte Ausgangzum Westthor der athenischen Burg, das Meisterwerk des Mnesikles. Sie stellteein Festthor dar, das dem gottbegeisterten Volke den Zugang zur heiligenStätte gewähren sollte. — Für die Ausstattung des Privathauses hatte mannoch kein Verständnis. So weit unsere Kunde reicht, waren alle Wohnhäuserklein und schmucklos.
Einen noch gewaltigeren Aufschwung nahm die Plastik. Das früher 2 . Plasmgebräuchliche Holz ward nicht mehr verwendet, Marmor, Erz und Gold-elfenbein traten an seine Stelle. Die stereotype Darstellung verschwand undwurde durch immer größere Individualisierung ersetzt. In allen griechischenStaaten hören wir von Bildhauern und ihren Schulen; von Wichtigkeitblieb allein die attische Kunst. Zur Zeit der Perferkriege hatten Kritios und^'^^Nesiotes die berühmte Tyrannenmördergruppe (Z 84) geschaffen. Zu Kimons undEphialtes' Zeiten blühte Myr 0 n, der besonders in Tierfiguren (die myronischeKuh) das Beste leistete. Neben ihm wird Kalamis genannt. Den höchstenGipfel erreichte aber, zu Perikles' Zeiten, der Athener Pheidias. Er ist derbedeutendste Schöpfer der chryselephantinen Werke (Statuen, deren Gewandstückeaus Gold und deren Nacktes aus Elfenbein gebildet war), die im Halbdnnkelder Cella etwa ähnlich wirken mochten, wie das Mosaik in den altchristlichenKirchen (II, H 105). Seine beiden herrlichsten Gebilde waren die Statue derjungfräulichenAtheneim Parthenon, ein hochgepriesenes Meisterwerk, vondem wir noch Nachbildungen in Marmor besitzen, und der „freundlich milde"
Zeus, der im olympischen Tempel sitzend das Griechenvolk zu segnen schien.
Neben diesen Meisterwerken schuf Pheidias noch das eherne Riesenbild derVorkämpferin Athene und den Skulpturenschmuck, der die Giebelfelderund den Fries des Parthenons zierte und sich jetzt in London befindet.
Pheidias war der Mittelpunkt des künstlerischen Kreises, der die perikleischenBauten ausführte. — Etwas jünger war Polykleitos aus Argos, demdie berühmte Statue des Doryphoros (Lanzenträgers) verdankt wird, das be-kannte Musterbild, an dem die griechischen Künstler die vollendete Schönheitdes Manneskörpers studierten. Auch er bildete goldelfenbeinerne Statuen,z. B. die der Hera im Tempel zu Mykenä; jedoch steht er hinter Pheidiaszurück und bildet den Übergang zur folgenden Periode der Kunst.
Als neue selbständige Kunst tritt in dieser Zeit die Malerei aus. s. Mai-retFrüher wurde sie nur zu dekorativen Zwecken benutzt; jetzt fanden sich ihreersten großen Meister. Polygnotos aus Thasos schmückte zu Kimons Zeitendie „bunte Halle" mit der Darstellung der Marathonschlacht. Seine be-