I 110. Drittes Kapitel: Don den Perferkriegen bis zum Tode des Epaminondas. 239
in Schlachtordnung aufgestellt. Den ganzen Tag hielten die Athener trotz großen Mangelsaus; dann streckte die ganze Heeresabteilung, 6000 an der Zahl, die Waffen und begab sichin Kriegsgefangenschaft. Nur mit Mühe wurde Demosthenes am Selbstmord gehindert. —
Am andern Tage wurde auch Nikias von den Syrakufanern erreicht und gefangen genommen.
Von den 25000 Kriegsmünnern, die sechs Tage zuvor den großen Hafen verlassen hatten,waren, mit Ausnahme einiger Flüchtlinge, nur noch etliche tausend Sklaven und Ge-fangene vorhanden, die übrigen waren auf den Märschen und in den Gefechten, dem Hunger,der Erschöpfung und den Waffen der feindlichen Reiter und Bogenschützen erlegen. Wohlhatten die Syraknser Ursache, mit Befriedigung auf ihr Werk zu sehen. Als sie dieBäume am Assinaros mit den Harnischen erschlagener Feinde geschmückt hatten und dannmit Beute beladen in ihrer Stadt einzogen, da sah mancher Bürger schon im Geiste Syrakusals Beherrscherin der hellenischen Welt im Westen und die übrigen Städte als zinspflichtigeUntergebene. Aber ihr Verfahren gegen die Besiegten und Gefangenen gab Zeugnis, daßSyrakus nicht gleichen Schritt gehalten hatte mit Athen und andern Städten des Mutter-landes. Nikias und Demosthenes wurden durch Volksbeschluß zum Tode verurteilt, weilman nicht ohne Grund fürchtete, daß sie über ihre Verbindungen mit den unterlegenenParteien nicht schweigen würden. Noch härter war das Los der übrigen Gefangenen, wennihnen gleich das nackte Leben erhalten wurde. Man schloß sie in die von Sonnenhitzedurchglühten Latomien ein, wo sie während der siebzig Tage ihrer Haft großenteils kläglichumkamen. Nach Verlauf dieser Frist wurden die Überlebenden als Sklaven verkauft. Dochwird erzählt, manche seien wegen ihrer Bildung und Kenntnisse von ihren Herren in Frei-heit gesetzt worden, und besonders Hütten die athenischen Gefangenen durch das Vortragenrührender Stellen aus Enripides, die sie im Gedächtnis bewahrten, die Herzen ihrer Gebieterso bewegt, daß diese ihnen die Sklavenketten abnehmen ließen. Der Tragiker soll noch langegenug gelebt haben, um den Dank der Befreiten zu empfangen. „So endigten die Ereignissein Sicilien," schließt Thukydides sein siebentes Buch, „die wichtigste Begebenheit nicht bloßin diesem Krieg, sondern in der ganzen hellenischen Geschichte".
8 110. Der dekeleische Krieg. Flottenkämpfe in Kleinasien. DunkleGerüchte brachten die erste Kunde von dem entsetzlichen Schlage, derFlotte und Heer vor Syrakus betroffen hatte, nach Athen; als sich dieSchreckensnachricht bestätigte, war kaum eine Familie ohne Trauer. DieFolgen blieben nicht aus; die Herrschaft der extremen Demokratie warmit einem Schlage vorbei, und die Oligarchen dachten mehr als je daran,sich der Herrschaft in Athen zu bemächtigen. Die athenischen Bundes- März 412genossen fielen ab und schlössen sich an Lakedämon an; ein spartanischesHeer hatte Dekeleia besetzt und hinderte die Zufuhr; eine auf Alkibiades'
Rat ausgerüstete und von dem persischen Statthalter Kleinasiens Tissa-phernes reichlich mit Geldmitteln unterstützte spartanische Flotte suchte dieSeeherrschaft der Athener zu vernichten. Unter diesen Umständen vereinigte ^und-A°sich ein großer Teil der geistig und gesellschaftlich hervorragenden Elemente EAthens zum Werke des Umsturzes im Sinne der oligarchischen Partei. Anihrer Spitze stand Antiphon von Rhamnus, einer der ersten Redner seinerZeit (8 130); neben ihm standen Männer wie Theramenes, der Sohndes Hagnon, der frühere Demokrat Peisandros (Z 106) u. a. Auch derMehrzahl der Beamten und der Offiziere glaubte man sicher zu sein. MitHilfe der schon erwähnten (8 106) politischen Klubs, die in der Stadt be-standen, gelang es durch einen Staatsstreich, die unbeschränkte Volksherrschaftzu beseitigen, die Einsetzung eines Rats von Vierhundert, die sich unter-einander selbst wählten, zu bewirken und die Volksgemeinde auf die Zahlvon fünftausend Bürgern zu beschränken, die aber nie zur Volksversammlungoder zur Ausübung der bürgerlichen Rechte einberufen wurden. Gegen dieseNeuerung erklärte sich die auf Samo s weilende athenische Heer- und Schiffs-Mannschaft, bei der sich Thrasybülos befand, und beharrte bei der altenOrdnung. Da jedoch eine Verständigung mit Tissaphernes nicht zu erzielenwar, und die demokratische Flotte auf Samos in große Bedrängnis geriet,