Z 111. Drittes Kapitel: Von den Perserkriegm bis zum Tode des Epaminondas. 241
den eleusinischen Festzug auf der heiligen Straße angeordnet hatte, wurdeihm der Oberbefehl von neuem entzogen, weil in feiner Abwesenheit seinUnterfeldherr Antiochos eine Seeschlacht bei Notion unweit Ephefos gegendie Peloponnefier unter Lysandros verloren hatte. Alkibiades begab sich Enach seinen Schlössern am Hellespont, sein Auge unverrückt auf das unglück-liche Vaterland gerichtet. Die Spartaner aber machten unter Anführungdes wackern Kallikratidas, der in edler Vaterlandsliebe und warmemNationalgesühl es verschmähte, bei den Persern um Hilfe zu betteln, einenAngriff auf Lesbos. Der athenische Feldherr Konon, dem wegen Geld-mangels die Seeleute in Menge desertierten, konnte das offene Meer nichtmehr halten. Nach starken Verlusten sah er sich gezwungen, sich mit demReste seiner Flotte im Hasen von Mithlene einschließen zu lassen. Dastrengten die Athener ihre letzten Kräfte an und schickten eine mit Freien,Schutzbürgern und Sklaven bemannte Flotte ihren Landsleuten zu Hilfe.
Kallikratidas fuhr ihnen mit seiner Flotte entgegen, und es kam bei denArginusen, einer südlich vom Sund von Lesbos gelegenen Inselgruppe,zu einer gewaltigen Seeschlacht, der größten des ganzen peloponnesischenKriegs. Kallikratidas starb den Heldentod, viele Schiffe gingen aufbeiden Seiten zu Grunde, die Athener aber blieben Sieger. Ein heftigerSeesturm und die Unentschloffenheit der Führer verhinderte jedoch dieAusnutzung des Siegs sowie das Bergen der Leichen und der Schiffs-trümmer mit den verunglückten Kämpfern, die sich noch aus dieselbengerettet haben mochten. Diese Versäumnis wurde den (demokratischen)Feldherren zum Verbrechen angerechnet; sechs von ihnen wurden in Athenvon der Volksversammlung zum Tode verurteilt und mußten den Gift-becher trinken. Die Bemühungen des Sokrates und anderer Vaterlands-freunde, die Unglücklichen zu retten, wurden durch die gewaltige Erregungder Menge, die allerdings schwere Verluste an Menschenleben zu betrauernhatte, vereitelt. Alle starben mit dem Mute der Unschuld und mit Wortendes Segens für das Vaterland und ihre Mitbürger. Ob politische Beweg-gründe mit in Betracht kamen, läßt sich nicht entscheiden. Es ist WohlMöglich, daß die Oligarchie ihre Hände im Spiele hatte; die extremeDemokratie, mit Kleophon an der Spitze, blieb jedoch maßgebend, ver-hinderte des Alkibiades' Rückberufung und schlug die neuerdings wiedervon den Lakedämoniern angebotenen Friedensvorschläge ab.
§ 111. Athens Fall. Aegospotamoi, Friede. Nach der Seeschlachtbei den Arginusen nahmen die Spartaner wieder ihre Zuflucht zu Ly-san der. Schon früher hatte dieser die Gunst des neuen Statthalters vonKleinasien, Khros' des Jüngeren (K 120), klug zu benutzen gewußt,um mit persischer Hilfe die lakedämonifche Flotte zu vergrößern. Auch jetztgelang es ihm, neue Gelder flüssig zu machen, da er dem Kyros versprach,ihn in seinen geheimen ehrgeizigen Plänen auf den persischen Königsthronzu unterstützen, und bald geboten die Peloponnefier über eine weit größereFlotte als vorher. Das wichtigste aber war, daß Lysander an die Spitzetrat, ein Mann von unergründlicher Schlauheit, den die einen als edlenVaterlandsfreund, die anderen als einen gewissenlosen Streber nach derAlleinherrschaft hinstellen; er ist das rechte Gegenbild des Alkibiades ge-wesen: wenn auch weniger genial als dieser, besaß er doch dieselbe Ge-schmeidigkeit, andere zu gewinnen, vereinigte er dieselben Talente des Feld-herrn und diplomatischen Unterhändlers in sich. Von diesen Eigenschaften
Weber-Baldamus, Weltgeschichte. 21. Ausl. I. 16