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Erster Band.
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Zweites Buch: Griechische Geschichte.

Z 118.

wenn er eine grundsätzlich festgehaltene Gesinnung darstellt. Sittlich 'ist eine Willens-meinnng, wenn sie die Mitte zwischen zu viel und zu wenig innehält. Diese richtigeMitte zu bestimmen, ist Sache der Einsicht, die keine rein dianoetische Tugend ist. Darumist auch jede Tugend ein Mittleres zwischen zwei Fehlern. Am ausführlichsten behandeltAristoteles die Gerechtigkeit und Freundschaft (Liebe). In der schönen Abhandlung über dieseDoppeltugend kommt der Gedanke zum Ausdruck, daß der Mensch seiner Natur nach eingeselliges Wesen ist, und daß alle Menschen ein gemeinsames Recht verknüpft. Dies ist dieGrundlage für Familie und Staat.

s. Politik Der Zweck der höchsten Gemeinschaft des Menschen, des Staates, ist die Glückseligkeitseiner Bürger, und die Hauptaufgabe des Staates ist die Erziehung seiner Bürger zurTugend. So weit geht Aristoteles mit Platon. Dann aber trennt er sich von ihm, indemer nicht das bedingungslose Aufgehen des Einzelnen im Staate fordert, da der Staat keineinheitliches Wesen sei, und indem er zugiebt, daß die Verfassungscinrichtungen sich nachden Bedürfnissen des Volkes richten müssen, für das sie bestimmt sind. Zu dieser Einsichtgelangte er durch das Studium von mindestens 150 Verfassungen, die er in ebensovielPoNtien Büchern, teils historisch, teils systematisch, in den verlorenen „Politien", dargestellt hat.In seinem Musterstaate freilich schließt sich Aristoteles der Tendenz nach fast ganz an Platoan und erblickt ihn in einer „hellenischen Aristokratie" . in die aufzusteigen die Staats-bürger nur durch ihre „Tugend" ein Recht gewinnen. Auch die unvollkommenen Staats-sormen hat Aristoteles besprochen und die praktische Frage zu beantworten versucht, welcheVerfassungsform sich für die meisten Staaten am besten eigne. Er beantwortet sie dahin,daß er eine Einrichtung verlangt, in der der Schwerpunkt des Staatslebens im wohl-habenden und gebildeten Mittelstand liege.

ö.Kunstlehrs Schließlich behandelte Aristoteles auch die Kunstlchre, ist aber nur zu einer Theorieder Dichtkunst (Poetik) gelaugt. Der Begriff des Schönen, ist bei ihm noch unbestimmt.Alle Kunst erscheint ihm als Nachahmung, aber nicht dessen, was wirklich geschah, sondernwas zu geschehen hatte; die Gestalten sind darum Typen allgemeiner Gesetze. Deshalbdient die Kunst nicht zur bloßen Unterhaltung, sondern soll in dem Einzelnen allgemeingültige Gesetze zur Anschauung bringen. Darauf beruht auch das Wesen der bekanntenKatharsis (Reinigung), die die Gemütsbewegung des einzelnen auf die allen Menschengemeinsamen Empfindungen hinlenken soll. Aus der Poetik stammt auch die Lehre vonden drei dramatischen Einheiten (der Zeit, des Ortes, der Handlung s§ 101s), die oft miß-verstanden worden ist.

Das System des Aristoteles stellt sich in der Hauptsache als ein Kom-promiß zwischen den Ergebnissen der Erfahrungswissenschaften und der plato.nischen Begriffsphilosophie dar. Ganz hat es diese Aufgabe nicht gelöst; aberdie vergeistigte Naturlehre des Aristoteles hat bis in die neuere Zeit fastunbeschränkte Geltung gehabt, und andererseits verdankt feine Lehre gerade denplatonischen Elementen ihre weltgeschichtliche Wirkung.

Die Schüler des Aristoteles bekamen von dem Wandelgange, in dem ihrMetUer Lehrer sie unterrichtete, den Namen der Peripatetiker. Nach des MeistersS71-286 Tode trat Theophrast aus Eresos auf Lesbos an ihre Spitze, der sichauf allen Gebieten der Philosophie auszeichnete. Er ist der erste Lehrer derPflanzenkunde gewesen, am bekanntesten aber durch die sittengeschichtlichenSchilderungen geworden, die den Titel „Charaktere" führen. Die aristotelischeEthik setzte Eudemus fort; eine merkwürdige Berquickung von Pythagoräismusund aristotelischer Lehre tritt uns in den Schriften des großen Musiktheore-um S4Y tikers Aristoxenos aus Tarent entgegen. Die geschichtlichen Forschungendes großen Meisters nahm Dikaearch auf. Eine Zeit lang setzten diePeripatetiker nur die Lehre des Aristoteles fort, bis diese schließlich nachmannigfachen Umformungen in die des Epikur (§ 154) überging.

2. Geschichtschreibung.

8 118. Herodot. Thnkydides. Derselbe staunenswerte Fortschritt wieaus allen anderen geistigen und künstlerischen Gebieten zeigt sich auch in derGeschichtschreibung der Hellenen. Noch um das Jähr 500 fanden wir die aller-primitivste Darstellung historischer Ereignisse, und um die Zeit des peloponne-