§ 129. Viertes Kapitel: Die makedonische Zeit (360—190 v. Chr.). 277
der Makedonier nicht widerstehen. Trotz der Tapferkeit der heiligenSchar von Theben, die insgesamt auf der Walstatt blieb, gewann Philippdie Schlacht von Chäronea, die der griechischen „Freiheit" auf immerein Ende machte, aber die griechische Einheit begründete. Bei Chäronea August 3sslegte Philipps Sohn Alexander die ersten Proben feines Feldherrntalentesund Kriegsmutes ab; feinem kraftvollen Reiterangriff verdankten die Make-donier den blutigen, aber glänzenden Sieg. Der Eindruck der Niederlagewar furchtbar, vor allem iu Theben, wo man sich den harten ForderungenPhilipps bedingungslos fügen mußte. Die Verluste an Menschen warenungeheuer gewesen; eine gemeinschaftliche Gruft, geschmückt mit dem riesen-haften Standbilde eines Löwen, von dem noch jetzt die Bruchstücke vorhandenfind, umschloß die gefallenen Thebaner. In Athen herrschte bei der drohendenAnnäherung Philipps großer Kampfeifer, den Lykurgos (§ 126) in folgendenkräftigen Zügen geschildert hat: „Kein Alter entzog sich in jenen Tagen derRettung des Staats, als das Land die Bäume, die Toten die Särge, dieTempel die Waffen hergaben". Auf Antrag des Hhpereides gab man denSklaven als Lohn des Kampfes die Freiheit, den Metöken und Fremdendas Bürgerrecht, den Ausgewanderten und Ehrlosen Wiederherstellung derHeimatsrechte; die Flüchtlinge dagegen erklärte man für Verräter. An dieStelle des leichtsinnigen Chares, der bei Chäronea den Oberbefehl geführthatte, wählte man den rechtschaffenen Phokion zum Befehlshaber. DieseEnergie mochte Philipp von einem Angriff auf Attika abschrecken; denndas Übergewicht Athens zur See war immer noch unzweifelhaft. Erzögerte lange und suchte durch gute Behandlung der Kriegsgefangenen dieerloschenen Sympathien in Athen wieder zu beleben. Bald legte sichauch in Athen die Kampflust, die Friedenspartei gewann die Oberhand, undunter Vermittlung des Demades kam es zu einem verhältnismäßigerer*günstigen Frieden, in dem Athen feine politische Selbständigkeit behielt,aber die thrakische Cherfones aufgeben und den Seebund auflösen mußte.
Härter war das Schicksal von Theben: es mußte feine Toten und Ge-fangenen um schweres Löfegeld loskaufen, die oberste Regierungsgewalteinem Ausschuß der makedonischen Partei übergeben, makedonische Besatzungin die Kadmeia aufnehmen, den böotischen Bund auflösen und die unter-worfenen Städte freigeben. Auch Sparta, das sich dem fremden Schiedsrichternicht fügen wollte, mußte durch Verwüstung des Küstenlandes und durch Ver-lust sämtlicher ünterthanenlandschaften den Widerstand büßen. Demosthenes,der zum Lohn des zwischen Athen und Theben vermittelten Bundes zumzweiten Male mit einer Bürgerkrone geschmückt worden war, wurde nach derSchlacht von feinen Gegnern vor Gericht gestellt, aber nicht nur ehrenvollfreigesprochen, sondern mit dem Auftrage beehrt, den bei Chäronea Gefallenen,deren Asche Philipp nach Athen geschickt hatte, die Leichenrede zu halten.
Nunmehr konnte Philipp zur politischen Neugestaltung Griechenlands NN«-schreiten. Denn er sah sich der Verwirklichung feines zweiten Zieles ch°"i°ndsnahe, an der Spitze sämtlicher griechischen Staaten das morsche Reich derPerser anzugreifen, und berief deswegen eine Nationalversammlungnach Korinth, um einen hellenischen Bund unter makedonischerOberleitung abzuschließen und die Heerfahrt in den Orient vorzu-bereiten. Hierbei ging er mit der größten Mäßigung vor, beließ allenStaaten die Autonomie und verhinderte dabei doch die kantonalen Kämpfe,so daß die ganze Kraft der Nation in einen Strom und zu einem Ziele