282
Zweites Buch: Griechische Geschichte.
8 131.
wollen. Vielleicht stammen auch die vier berühmten Bronzerosse in Venedigvon ihm her. Lhsippos ist zugleich der wichtigste Künstler für Porträtstatuen, die,abgesehen von den Tyrannenmördern (ß 84), erst seit Konons Siege bei Knidos(Z 121) aufkamen, seitdem aber, selbst für litterarische Größen, sehr baldüberhand nehmen. — Den genialen Zug, den die Plastik eines Praxiteles aus-wies, finden wir vor allem wieder in den köstlichen Grabstelen, mit denen dieDipylonstraße in Athen geschmückt wurde, und die uns manchen unerwartetenBlick in das häusliche Leben der Griechen thun lassen (Grabmal des Dexileos,der Hegeso u. a. m.).
8. Malerei Auch die Malerei blühte schnell und herrlich empor. Von der geordnetenPerspektive (Z 102) und der klaren Zeichnung war der Schritt zur sorgfältigbeachteten Farbenwir^ung nicht weit; schon Zeuxis und Parrhasios hattendarin Bemerkenswertes geleistet. Das vierte Jahrhundert, das vor allem dieTafelbildnerei bevorzugte, kam hierin noch bedeutend weiter. Berühmt warPausias das Bild des Malers Pauflas, der seine Geliebte Glykera von holdem Jugend-Ap-ll-s reiz umflossen darzustellen wußte. Aber alle anderen wurden von A pell esum SA, aus Ephesos weit in Schatten gestellt. Weniger die Komposition als dievollendete Technik und die unvergleichliche Anmut seiner Bilder hob ihn hochüber alle Zeitgenossen empor. Sein berühmtestes Werk war die aus dem Meeres-schaum emportauchende Aphrodite für den Asklepiostempel in Kos. Danebenwird noch seine Artemis unter den opfernden Jungfrauen und ein Alexandermit dem Donnerkeil genannt. Über seine virtuose Technik existierten schon imAltertum eine ganze Reihe von Anekdoten.
4. Kunst- Diese Ausbildung der Malerei konnte nicht ohne Einfluß auf das Kunst-"" h andw erk bleiben. Von nun an verschwinden die rotfigurigen Vasen (ß 102),und dafür traten besonders im eigentlichen Hellas die schlankhalsigen Lekythenein, Gefäße aus Thon mit weißem Grunde und vielfarbiger Malerei. InItalien war man konservativer, indem man, besonders von Tarent aus, dierotfigurigen Vasen mit anderen Farben reichlicher ausstattete, aber den Grund-typus beibehielt. Ähnliche Fortschritte machte die Steinschneidekunst, die
Pyrgotsles sich zum Teil sogar wieder an altmykenische Vorbilder anlehnte. Pyrgoteleshat als Kameenschneider sich den höchsten Ruhm erworben. Ähnliche kleineKunstwerke lieferte auch die Münzprägung. Neben den alten klobigen Silber-stücken des vorigen Jahrhunderts nehmen sich die zierlichen kleinen Meister-werke der neuen Zeit vortrefflich aus, vor allem in den Prägungen dersyrakusischen Münzstätten. Daneben fallen als besonders schön und zierlich ge-arbeitet die Kunstwerke der Silberschmiedekunst und die Metallspiegel auf, dieoft mit den zartesten Zeichnungen bedeckt waren,s. Mus» Ein ähnlicher Zug, sich frei und leicht zu entwickeln, läßt sich auch in derMusik nachweisen. Auch sie suchte, wie die Rhythmen in Dichtung und bildenderKunst freier und mannigfaltiger geworden waren, sich von den Fesseln desHergebrachten loszulösen, und unternahm bei reicher Instrumentierung sogardas Unmögliche, indem sie allen Vorgängen auf Himmel und Erde die ent-sprechende Begleitung und Darstellung in Tönen zu verleihen suchte. Die neuenschwierigen Aufgaben verlangten auch von dem ausübenden Musiker weit mehrStudium, als der begabte Dilettant darauf zu verwenden Pflegt, und so bildeten6- Schau- sich denn eigene Musiker- und Sängerschulen. Eine volle Trennung von Kunst-M - unst E^ner und ausübendem Künstler können wir erst bei einem anderen Standebeobachten, den Schauspielern, die sehr bald zu gefeierten Vortragskünstlernwurden. Ein Dramatiker des vierten Jahrhunderts konnte nicht mehr, wie einSophokles und Äschylos, es wagen, selbst aufzutreten. Ja, es bildete sichhierbei sehr schnell ein Spezialistentum aus, das schließlich vom Künstler- zumVirtuosentum hinabführte.
Bei einer Betrachtung des Kunstlebens im 4. Jahrhundert drängt sichunwillkürlich der Vergleich mit den Bestrebungen des ausgehenden 19. Jahr-