Band 
Erster Band.
Seite
317
JPEG-Download
 

ß 153.

Viertes Kapitel: Die makedonische Zeit (360—190 v. Chr.).

317

Hymnen und Epigramme, die noch teilweise erhalten sind, sowie Elegien, von denen wirjedoch nur geringe Bruchstücke und die römischen Nachahmungen des Catullus (Z 240) be-sitzen; schöpferische Gabe, feurige Einbildungskraft, vollkommene Herrschaft über Stoffund Sprache sind dem belesenen Dichter nicht abzusprechen. Apollonios, anfangs einSchüler, dann ein Feind des Vorigen, hat sich besonders durch ein dem Homer nach-gebildetes Kunstepos über den Argonautenzug (Argonautika) bekannt gemacht, das, einigegelungene Schilderungen und den ruhigen Fluß der Erzählung abgerechnet, mehr Fleißund Gelehrsamkeit als Talent und Geschmack verrät. In die alexandrinische Zeit ge-hören auch die Gedichte, die man dem Orpheus (8 87) untergeschoben hatte, Hymnenund eine epische Darstellung der Argonautensage. — Bet der Vorliebe der Zeit für Wissen-schaft und Gelehrsamkeit mußte namentlich die Lehrdichtung Pflege finden. Und in der 8. Lehr-That gehören die Werke dieser Gattung zu den besten Erzeugnissen der alexandrinischen ^Periode. Besonders war die Stern- und Himmelskunde ein beliebter Stoff. So ver-faßte Aratos aus der kilikischen Stadt Soloi, durch Reisen und durch den Umgang mitDichtern, Philosophen und Weisen vielseitig gebildet, auf den Wunsch des makedonischenKönigs Antigonos Gonatas die Lehrgedichte „Sternerfcheinungen" und „Wetterzeichen"(Phänomena und Diosemeia) in Hexametern, meist dem Astronomen Eudoxos (Z 130), bis-weilen auch dem Theophrast (8 130) folgend. Der Vortrag ist einfach und ohne begeisterndenSchwung; Ton und Haltung sind ernst und würdig, die Sprache rein, mitunter alter-tümlich; das Ganze, von inhaltschweren Sprüchen durchzogen, atmet einen philosophischenGeist und fromme Gesinnung ohne Aberglauben. — Neben diese gelehrte Dichtung trat, dem 4- JdMn-andern Hauptzuge des Alexandrinismus entsprechend, eine zweite Hauptgattung, die nach ^Realismus und Rückkehr zur Natur strebte. Aber dieser Dichtkunst, die nicht auf dem Bodender Nation, sondern in der Treibhausluft der Höfe gedeihen mußte, fehlte das echte innereLeben, und selbst den größten Talenten gelang es nur, einen täuschenden Schein desletzteren hervorzubringen. Im Gegensatz gegen das luxuriöse und konventionelle Leben derWirklichkeit fand hauptsächlich die Idylle oder bukolische Dichtung Pflege, die poetischeSchilderung eines der Natur noch nahestehenden Hirten- und Landlebens voll Einfalt undUnschuld; eine Dichtgattung, auf die nur eine überfeinerte Zeit gerät, die, ihrer eigenen Füllesatt, mitunter gerade durch die Bilder eines einfachen Naturzustandes ihren überreizten Ge-schmack zu befriedigen, ihre verlangende Sehnsucht zu stillen sucht. In dieser idyllischen Dich-tung wird der plastische Charakter der ältern Poesie durch eine ins Breite gehende malerischeSchilderung verdrängt und an die Stelle der unbewußt schaffenden Genialität tritt dasStreben, eine gesuchte Originalität in Stoff und Inhalt mit einer affektierten Natürlichkeitzu verbinden. Der bedeutendste Jdyllendichter war der Sicilianer Theokrit, der abwechselnd ^Ettosin Syrakus und am alexandrinischen Hof lebte und in dorischem Dialekte, häufig imdialogischen Wechsclgefang Gedichte vermischten Inhalts verfaßt hat, die bei aller Anmutdoch an einer gewissen Künstlichkeit leiden. Unter seinen Nachahmern sind am bekanntestenBion von Smyrna und Moschos von Syrakus, der etwa hundert Jahre nach Theokritlebte. Diese bukolischen Dichter hatten wie die etwas ältern Komödiendichter Menander uud MoschosPhilemonfH 101), den größten Einfluß auf die römische Poesie. — Einen ähnlichen Einfluß »m isogewannen die alexandrinischen Dichter auch durch die Pflege der Elegie. In dieser Gattung, s. Elegiedie an Tyrtüus, Mimnermos und Solon ls 86, 79) anknüpfte und die im engen Rahmen,nur im Stoffe von dem Idyll verschieden, reizend zu schildern wußte, zeichneten sich eineganze Reihe Alexandriner aus, vor allem Philetas von Kos, Hermcsianax undKallimachos. Ein wenngleich verwischtes Bild dieser alexandrinischen Klein- und Fein-knnst geben uns noch die Nachbildungen des Catull und Properz. — Noch geringerenUmfang hatten die Epigramme, die von ihrer ersten Form unter Simonides von Keosiß 86) an manche Wandlungen durchgemacht hatten, bis sie ganz und gar zum poetischen Genre-bildchen wurden. Viele dieser reizenden Schöpfungen des griechischen Geistes sind schon ausalexandrinischer Zeit, ihre höchste Blüte aber 'feierte diese Dichtungsart unter den Römern(8 257). — Die Mimiamben schließlich sind kleine Scenen aus dem bürgerlichen Leben,und mit unsern Einaktern oder dramatischen Monologen zu vergleichen. Sie bilden die Über-gangsform von der neuern Komödie zu der Satura (8 204) der Römer. Ihr Hauptvertreterist Herodas (Hcrondas), der der koischen Dichterschule angehört und dessen Gedichte, vorwenigen Jahren in Ägypten gefunden, uns ein lebensvolles Bild des Treibens in den helle- issinistischen Großstädten, mit allem Glanz und Schmutz, in beabsichtigter Realistik entwerfen.

§ 153. Die alexandrinische Geschichtschreibung. Der rhetorische Zug, derdie Geschichtschreibung der vorigen Periode (§ 130) beherrscht, verquickte sichmit der Fabelsucht der alexandrinischen Zeit und ihrer Freude an tendenziöser