H 154. Viertes Kapitel: Die makedonische Zeit (380—190 v. Chr.). Zig
keit und an die Idee, als Glied eines großen Staatsganzen zu bestehen unddie Abgeschlossenheit eines städtischen Bürgertums einer höheren Staatseinheitzum Opfer zu bringen. Selbst das Nationalgefühl und der strenge Gegensatzvon Hellenentum und Barbarenthum wurde durch die Verschmelzung desgriechischen und orientalischen Wesens in den alexandrinischen Staaten geschwächtund durch das Weltbürgertum verdrängt. Die großen Handelsstädte mitihrer buntgemischten Bevölkerung, die alle dieselbe Lebensrichtung, die gleicheBildung, dasselbe Streben nach Reichtum und Genuß besaßen, waren dienatürlichen Sitze dieser Anschauung.
Mit dem Individualismus ging Hand in Hand das Zunehmen des In-umf°rmungteresses an allen Privatangelegenheiten, die Jagd nach dem täglichen Gewinn, Idee»der Kamps um das Dasein. Dazu kam eine sich immer mehr verbreiternde Kluftzwischen den Besitzenden, die in immer weniger Händen ungeheure Reichtümervereinigten, und der besitz- und rechtlosen Masse, die in immer bedrohlicheremMaße anschwoll. Versuche, Reformen einzuführen und den Besitz anders alsbisher zu verteilen, sind in jener Zeit mehrfach unternommen worden, sowohlvon den Regierungen (Agis, Kleomenes sß 144j) wie von den Besitzlosen, aberausnahmslos gescheitert. Die Ausbeutung des wirtschaftlich Schwächeren wurdevon den makedonischen und einheimischen Mächtigen rücksichtsloser, denn sonst,betrieben. Denn der Ehrgeiz konnte auf dem eifersüchtig gehüteten politischenFelde keinerlei Bethätigung finden, und dieser Zustand dauerte an, bis auchdie jetzigen Machthaber unter die eiserne Faust des römischen Herrn gebeugtwurden.
Solche Zeiten sind dem religiösen Leben nicht günstig. Der naive, Formungkindliche Glaube der alten Zeit, der sich die Götter als vollkommenere Menscheng-°fenJdsendachte, die an den Freuden und Leiden der Erdbewohner Anteil nehmen, mitdem Menschengeschlecht persönlich Verkehren und alle ihre Schicksale lenken,war aus dem Kreise der Gebildeten längst verschwunden und wurde von ihnen alsAberglaube verlacht. Auch den Massen entschwand die Anhänglichkeit an diealte Volksreligion; denn die alten Götter Griechenlands vermochten sie nichtaus ihrem socialen und politischen Elend zu erretten. Aber noch war dieZeit nicht gekommen, wo der Tröster für die Mühseligen und Beladenenerscheinen sollte. Das Tasten der hellenischen Volksseele nach einer allesbezwingenden Wahrheit, die allen gleichen Trost gewährt, hat etwas Rührendesan sich. Die Gebildeten freilich hatten sich ganz einem religiösen Jndifferentismushingegeben, der in den Olympiern allerhöchstens symbolische Figuren erblickte.
Denn die philosophischen Forschungen, die die Wahrheit der Vielheit be-stellten und nur ein einziges Urprinzip als das wirklich Seiende, als das imWechsel der Dinge ruhig Beharrende hinstellten, hatten den Polytheismus inseinen Grundfesten erschüttert. Da aber die philosophischen Resultate demVolke unverständlich waren und das dem menschlichen Herzen innewohnendeReligionsbedürsnis nicht befriedigen konnten, so wurden die Gewissen derMenge verwirrt. Es war daher begreiflich, daß die Regierungen, die dieWohlfahrt des ganzen Staatskörpers im Auge haben mußten, sich als Hüterder Volksreligion auswarfen und mehrere Philosophen als Gottesleugner Ver-bannten oder bestraften; aber der alten Volksreligion neues Leben einzu-hauchen und die Massen wieder zur alten Frömmigkeit zurückzulegen, gelangnicht. Das griechische Volk war gealtert und seine Religion mit ihm: anStelle des jugendlichen Glaubenseifers trat kühl reflektierende Erwägung, unddie Philosophie mit ihren Systemen löste den Olymp und seine himmlischenBewohner für immer ab. Staatliche Gegenmaßregeln fruchteten nichts, dennder Trieb zur Forschung wird durch keine äußere Schranke gehemmt. Alsder Begriff der Persönlichkeit und individuellen Freiheit die beengenden Formender alten Staatsansicht überwältigte, wurde die philosophische Weltanschauungallmählich Herr über die Vielgötterei, und die alte Religion verfiel.