Zweites Kapitel: Roms Anfänge.
343
z 165.
der Mutter zuerst einen Kuß geben würde. Darauf machten die Bruder unter sich aus,sie wollten ihre Mutter zugleich küssen und dann gemeinschaftlich regieren. Bei ihrerLandung in Italien aber siel Brutus wie zufällig auf den Boden und küßte unvermerktdie Erde als die gemeinsame Mutter Aller. Einige Zeit nachher, als die Römer die Vertreibungfeste Rntnlerstadt Ardea mit langer Belagerung drängten, stritten die Söhne des Königs ^ ^und ihr Vetter, Tarquinius Collatinus, Lehnsfürst in der kleinen Stadt Collatia,über die Tugend ihrer Frauen. Der Streit war lebhaft; ein nächtlicher Ritt wurde unter-nommen, um die Frauen zu überraschen und zu sehen, was sie in Abwesenheit ihrer Männertrieben. Da trafen sie die fürstlichen Frauen zu Rom bei einem schwelgerischen Mahleunter Blumen und Wein; von da eilten die Jünglinge nach Collatia, wo sie in späterNachtstnnde Lucrezia, des Collatinus Gemahlin, im Kreise ihrer Mägde spinnend fanden.
Scxtus Tarquinius, von böser Begierde getrieben, kam am folgenden Tage nach Collatiazurück und kehrte im Hause des Vetters ein, wo ihn Lucrezia gastfreundlich aufnahm.
Zn der Nacht aber trat er bewaffnet in ihre Kammer, und zwang sie unter schrecklichenDrohungen sich ihm hinzugeben. Am andern Morgen rief sie ihren Vater und ihren Ge-mahl zu sich. Sie kamen nut dem verachteten Brutus. Die trostlose Lucrezia erzählte unterThränen des Schmerzes die erlittene Schmach, forderte Vater und Gatten zur Rache auf undstieß sich dann selbst den Dolch ins Herz. Nun war der Augenblick für Brutus gekommen; erhob den blutigen Dolch in die Höhe und schwor dem verbrecherischen Königshause den Unter-gang. Brutus und Collatinus schlössen über Lucrezias Leiche den Bund der Rache undriefen die Bevölkerung zur Vertilgung der tyrannischen Herrscher auf. Bei der Nachrichtdavon eilte der König von Ardea, der festen Felsenstadt der Rutuler, die er gerade umlagerthielt, mit feinem Heer nach Rom, um den Ausstand niederzuschlagen; aber er fand die Thoreverschlossen und mußte, als ein Beschluß der Volksversammlung ihn der Königswürde entsetzteund selbst die Truppen von ihm abfielen, mit seinen Söhnen in die Verbannung ziehen.
Die Regierung der Tarquinier hatte auch manches Gute gestiftet, vor allem RomsMacht nach außen bedeutend erweitert. Tarquinius Superbus brachte die latinischen Orte zu ""einem Vertrag, in dem Rom als Haupt des Latin erb und es anerkannt wurde; em Schutz-und Trutzbündnis mit gemeinsamem eidgenössischem Niederlassungsrecht verband die einzelnenGemeinden, die, so weit nicht die Bundespflichten eingriffen, in Verfassung und Verwaltungfrei und selbständig blieben und am Dianatempel auf dem waldbedeckten Aventin jährlichein gemeinsames Bundcssest feierten. Für Rechtsklagen bestand ein eignes, aus Richternbeider Nationen und einem Obmann zusammengesetztes Handels- und Maßgericht. Fernereroberte Tarquinius die reiche Bolskerstadt Suessa Pometia und suchte durch Gründungvon Kolonien (Signia und Circeji) die Herrschaft der Römer weiter auszudehnen;das war der Anfang der Bürgerkolonien, durch die der latinifch-römische Stamm seineSprache und Volkseigentümlichkeit allmählich über ganz Italien verbreitete. Er führteden Bau des Capitoliums zu Ende, das fortan der Aufbewahrungsort der wichtigstenStaatsdokumente und der kostbarsten Weihgeschenke, der Mittelpunkt der bedeutendstenStaatshandlungen, der Schauplatz der größten Feierlichkeiten wurde. Er erwarb ferner dieunter dem Namen der sibyllinifchen Bücher bekannte Sammlung alter Orakelsprüche, dieS'^llunscheim Capitolium aufbewahrt und mit dem Kultus und der Politik des römischen Staats indie engste Verbindung gesetzt wurden. Die sibyllinifchen Sprüche durften nur auf ausdrück-lichen Befehl des Senats von den dazu bestellten Sachverständigen befragt werden; Ver-letzung des Geheimnisses wurde mit der Strafe der Tempelschänder geahndet.
§ 165. Das Geschichtliche aus Roms Königszeit. Es erscheintunmöglich, aus diesem Gewirr von Sagen den historischen Kern heraus-zuschälen ; ein solcher besteht aber hier ebenso gut, wie bei der Erzählungvorn trojanischen Kriege oder der dorischen Wanderung, wenngleich eingut Teil der vorgetragenen Ereignisse erst später erfunden worden seinmag, um vorhandene Namen, Gegenstände und Gebräuche zu erläutern. Soist z. B. Romulus nach der Stadt Rom genannt, nicht, wie die Alten wollten,umgekehrt. Folgendes etwa läßt sich als Ergebnis der neueren Forschungansehen.
Nachdem die Römer den Palatinischen Hügel besetzt und damit eme^'^undfeste Position gegen das Hinterland der Sabiner und gegenüber denEtruskern gewonnen hatten, kam es zunächst mit den Sabinern zumZusammenstoß, da sich diese die ihnen natürlich gegebene Straße zum