364
Drittes Buch: Römische Geschichte.
8 17Z.
hinüber nach Norden, gewann als am weitesten vorgeschobener Posten Böhmen,das seinen lateinischen Namen Boiohemum wohl von dem erobernden Keltenstammder Boier führt, und gelangte schließlich, nach vergeblichen Versuchen sichGriechenlands zu bemächtigen, nach Kleinasien. Dort hat noch jahrhunderte-lang ihre nach Väterweise geordnete, unter einheimischen Fürsten stehende Ge-meinschaft in Galatien bestanden (§ 147). Die zweite Hälfte der eine neueHeimat suchenden Kelten überschritt die Alpen und erschien in den Thalernder zum Po abströmenden Gewässer; es waren vor allem fünf Stämme, die Jn-subrer, Cenomänen, Boier, Lingönen und Senönen. In dem schönenund reichen Lande, das sie sich erwählt hatten, trafen sie auf die Etrusker, derenMacht damals ihren Höhepunkt schon überschritten hatte. Mit unwiderstehlichemStoße warfen sie diese nieder, entrissen ihnen einige der wichtigsten Städte,z. B. Melpum und Felsina, machten neue keltische Orte unter den NamenMediolanium und Bononia daraus und erreichten es schließlich, das vordemso mächtige Volk in zwei Teile (Räter und Etrusker) zu zerspalten, zwischen diesie sich wie ein Keil einschoben und bis zur Adria gelangten (ß 159). Diegedemütigten Etrusker mußten froh sein, daß wenigstens das alte Stamm-land mit seiner nördlichen Gebirgsgrenze vorläufig den fremden Horden Haltgebot. Zunächst sehten sich die Gallier nun in der Poebene fest und triebendie von den Vätern ererbte weitläufige Viehwirtschaft in den Eichenwäldern deroberitalischen Niederung; doch Wandertrieb und Landnot zwangen sie bald genugvorwärts. Da sie sich zunächst nicht an das eigentliche, vom Apennin umwallteEtrurien getrauten, so zogen sie an der Adria hin nach Süden und drängtendie Umbro-Sabeller (§ 159) aus ihren Sitzen, die ihrerseits wieder auf dieAequer und Volsker drückten, so daß Rom aus jenen Völkerschiebungen zwei-fachen Vorteil genoß: die Etrusker, von Norden her durch die Gallier bedrängt,konnten ihnen nicht kräftig widerstehen, schützten Rom sogar als Wellenbrecher,und andererseits wurden Roms Feinde im Süden von den sie bedrängendenumbrosabellischen Samniten im Schach gehalten. Rom fand somit zunächst Ge-legenheit, aus der allgemeinen Not für sich Vorteil zu ziehen und sein Gebietzu erweitern (§ 170, 174), bis die keltische Welle es nach Zusammenbrachder Etrusker erreichte und hinwegzuspülen drohte.
K^tur^der „Die keltische Nation hat von der gemeinschaftlichen Mutter eine andere Ausstattungempfangen als die italischen, germanischen und hellenischen Schwestern. Es fehlte ihr bei manchentüchtigen und noch mehr glänzenden Eigenschaften die eigentlich staatengründende Anlage.Es galt, sagt Cicero, als schimpflich für den freien Kelten, das Feld mit eigenen Händenzu bestellen. Der freie Bauernstand, der vor Alters zahlreich gewesen zu sein scheint, schwandim Laufe der Zeit mehr und mehr zusammen, bis zuletzt nur noch Herren und hörigeLeute vorhanden waren, so daß die Ritter die Nation ausmachten, das Woll in der de-mütigsten Abhängigkeit lebte; selbst die Königswürde erlag der zuchtlosen Adelsherrschaft.Die einzige Ordnung, der sie sich fügten, war die militärische, daher blieb auch Kriegund Waffenübung ihre Hauptbeschäftigung. Ihre Tapferkeit und ihr wilder Kriegs-mut waren im ganzen Altertum anerkannt und gefürchtet, aber ihre Beweglichkeit ohneAusdauer und ihr Widerstreben gegen alle Zucht und Ordnung ließen keine dauerndenSchöpfungen bei ihnen aufkommen; so erklärt sich die Thatsache, daß die Kelten alleStaaten erschüttert und keinen gegründet haben". Die Schilderung, die die Alten vonden Galliern geben, erklärt das Entsetzen der Einwohner bei ihrem Erscheinen: GroßeKörper, wilde Züge, ein langes, struppiges Haupthaar und ein großer Schnurrbartmachten ihren Anblick grausenhaft; ihr wilder Mut, ihre unermeßliche Zahl lähmten diegegen sie stehenden Heere Mit Furcht und Betäubung. Ließen sich diese aber nicht vomSchrecken überwältigen, so gab der Mangel an Ordnung und Ausdauer auch einer kleinerenZahl den Sieg über die Schwärme der Barbaren. Auch waren ihre Rüstungen schlecht:selten hatten sie Harnische-, ihre manneshohen, schmalen Schilds waren schwach nnd un-geschickt; sie warfen sich auf den Feind mit breiten, dünnen, schlecht gestählten Schlacht-schwertern, die oft durch den ersten Hieb auf Eisen schartig und unbrauchbar wurden- Eitelund Prahlerisch schmückten sie ihren Körper und ihre Waffen mit Gold. In der Schlachttrug jeder vornehme Gallier goldene Ketten an den Armen und schwere goldene Ringe umden Hals, wenn er auch sonst am Oberleib nackt erschien; denn oft warfen sie ihre bunten,