tz 184. Drittes Kapitel: Roms Aufsteigen zur Mittelmeergroßmacht (366—133). Z77
und hatte sich mit leichter Mühe ihrer unruhigen sabellischen Nachbarnerwehrt. Die Lage war so lange günstig, als Samnium und Romkämpften. Natürlich stand Tarent aus römischer Seite; als aber Samniumam Boden lag, schlug die Stimmung des leicht erregbaren Volkes um, unddie Römerfreundschaft ward zu Furcht und bitterem Haß, als Rom einegriechische Stadt nach der andern seinem Reiche einverleibte. Dies führtezu einem furchtbaren Ausbruch der Leidenschaft, als eine römische Flottees wagte, alten Verträgen zuwider, in den Hafen von Tarent einzulaufen.
Die römische Besatzung wurde gefangen und hingerichtet und eine Ge-sandtschaft, die Genugthuung forderte, auf das gröblichste beschimpft. Daswar das Zeichen zum Krieg: Tarent wäre Wohl schnell gefallen, wennnicht ein Mann als Führer gegen Rom aufgetreten wäre, der die Römernötigte, alle Kräfte anzuspannen. Die Tarentiner riefen nämlich im Gefühlihrer Schwäche den kriegerischen Pyrrhos, König von Epirus, zuHilfe, der diese Gelegenheit, ein griechisches Westreich zu gewinnen, gernergriff und mit einem buntgemifchten Heer nach Italien übersetzte.
Pyrrhos (H 143), bald Herrscher, bald Flüchtling, war durch seine Schicksale Pyrrhossogar in jener an Wechselfällen so reichen Zeit ein merkwürdiger Fürst, der, halb Held,halb Abenteurer, durch die Ritterlichkeit seiner Gestalt und seines Wesens alle, die in seineNähe kamen, bezauberte und hinriß. Ein echter Soldat und Feldherr, ein geborenerHerrscher, ein unermüdlicher Kämpfer, hat Pyrrhos überall, wohin ihn sein ereignisvollesLeben führte, eine hervorragende Stellung eingenommen, das Vertrauen der Männer, dieGunst der Frauen, die Liebe der Völker in gleichem Maße erworben. Durch Geburt undFamilienverbindungen mit den alexandrinischen Herrschergeschlechtern in mehrfacher Weiseverknüpft, von dem makedonischen Volke als König begehrt, von seinen streitbaren Epiroten,die ihn den Adler nannten, mit begeisterter Hingebung geliebt, von den zahlreichen Söldner-scharen und Abenteurern jener tief bewegten Zeit als Führer und Dienstherr gesucht,schien Pyrrhos mehr als irgend einer seiner Zeitgenossen der geeignete Mann, in denKulturländern des Westens dieselbe Rolle zu spielen, die sein großer Verwandter einigeJahrzehnte früher im Osten so ruhmvoll durchgeführt hatte. Sein Plan war, ebensowie der große Alexander im Osten, für sich im Westen ein Weltreich zu gewinnen; unddieses Unternehmen schien aussichtsvoll, nachdem es schon einigen griechischen Condottierenvor ihm, wie Alexander dem Molosser (8 182) und Kleonymos, beinahe gelungen war, ganzUnteritalien zu unterwerfen, und der fyrakufanische Tyrann Agäthokles (Z 188) nach Afrikagegangen war und Karthagos Macht beinahe niedergeworfen hatte. Daß es ihm nicht ge-lang, zum Ziel zu kommen, und er, anstatt ein Welteroberer zu werden, zum kriegführendenAbenteurer hcruntersinken mußte, daran trug die Hauptschuld, daß er sich in einem Faktorseiner Rechnung irrte, in der militärischen und politischen Tüchtigkeit ieiner Gegner.
Als Pyrrhos nach Italien kam, um seine Welteroberungspläne ins umAsau-l,Werk zu setzen, hatten die Römer, die an das Erscheinen griechischer Feld-hauptleute gewöhnt waren, keine Vorstellung von der Gefahr, die ihnendrohte. Das sollten sie bald zu ihrem Schaden erfahren. Teils durchseine treffliche Phalanx (Z 125), teils durch die den Römern unbekanntenElephanten war Pyrrhos bei Herakleia über den Konsul P. Valerius 282Lävinus siegreich, freilich erlitt er so große Verluste, daß er ausgerufenhaben soll: „Mit solchen Kriegern, wie die Römer, wäre die Welt mein."
Zm folgenden Frühjahr griff Pyrrhos wieder zur Offensive, rückte inApulien ein und bot den Römern bei Ausculum Apulum die Schlacht seian. Auch hier zerschellten die römischen Legionen an der makedonischenPhalanx. Aber ein entscheidender Erfolg war es nicht; die Verluste analtgedienten Leuten waren für Pyrrhos vielmehr fo bedeutend, daß manihm die verzweifelnde Äußerung zuschreibt: „Noch solch ein Sieg, und ich binverloren!" Trotzdem schien der römische Senat nach diesem Unfall nicht ab-geneigt, mit dem Gegner, der sich der Siebenhügelstadt bis aus vier Meilen