Band 
Erster Band.
Seite
423
JPEG-Download
 

H 204. Drittes Kapitel: Roms Aufsteigen zur Mittelmeergroßmacht (366—133). 423

Truppen nur zu häufig nach. Dieses Haschen nach Volksgunst, dieses Betteln umStimmen bei den Wahlen war die schlimmste Krankheit im römischen Staatsleben. DieBewerber um Ämter suchten sich bei ihrem Umgang (umbltuo) durch Artigkeiten aller Artder Menge zu empfehlen. Die Vornehmen wetteiferten miteinander, um sich durch ver-schwenderische Spiele, denen das römische Volk stets ergeben war, beliebt zu machenund dadurch zu den obrigkeitlichen Ämtern gewählt zu werden, und verderbten es durchNachsichtigkeiten und Vergünstigungen. Die öffentlichen Spiele geben Zeugnis, daß die Ver-feinerung und zunehmende Bildung nur die Oberstäche berührte; denn während die National-spiele der Griechen ein Sporn zu Großthaten und edlen Bestrebungen waren, hatten dierömischen Fechter-(Gladiatoren-)Spiele und Tierhetzen nur den Zweck, das sinnlicheWohlgefallen am Rohen und Wilden zu nähren und die derbe Lust eines Soldatenvolkszu befriedigen.

§ 204. Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Über die Anfänge der italischenLitteratur ist schon oben (§ 186) gesprochen worden. Eine Weiterbildung deSnationalen Elementes hörte auf, als dre griechische Bildung in immer breiteremStrome nach Westen flutete; trotzdem finden sich unter dem griechischen Gewändemancherlei echt römische Züge, vor allem in der neu sich belebenden Dramatik.Bestimmt wurde die neue Zeit aber ganz und gar von dem griechisch be-einflußten „Kreise der Seipionen", und unter seinem mächtigen Schutze blühtedie neue lateinische Litteratur empor; einige Gedichte sind sogar unter direkter Mit-wirkung dieser vornehmen Dilettanten entstanden, so die „Annalen" des Q. Ennius.

Der ganz dem Praktischen zugewandte Sinn der Römer, dem die „Leidenschaftdes Herzens" fehlte, sowie die Sehnsucht, „das Menschliche zu idealisieren unddas Leblose zu vermenschlichen", ist jedoch in seiner geistigen und poetischen Bil-dung nie zu solcher Höhe gelangt, wie die Griechen, und für die Schaulust desVolks, das sich an den Fechterspielen, Tierkämpsen und an dem altitalischen sati-rischen Gebärden- und Mimenfpiel (Atell anen, nach der Stadt Atella genannt,und Fescenninen) voll volkstümlicher Scherze und derber Witze ergötzte, war dasgriechische Drama viel zu hoch und zu sein. Echt national waren nur die ur-alten, mit dem Kultus der agrarischen Gottheit zusammenhängenden Wechsel-gesänge, wovon sich noch Spuren in dem Liede der „Ackerbrüder" er-halten haben, und aus denen sich die Anfänge eines Volksschauspiers mit Ver-kleidung, Masken und feststehenden Charakterrollen entwickelten. Auch Lobliederauf berühmte Männer, Totenklagen bei'Begräbnissen (Nänien) und religiöseGesänge mit Tanz und Musik bei feierlichen Umzügen waren heimisch, aberVon dem freiwillig und ungeboten hervorsprudelnden Liederquell, wie ihn dieGriechen und Deutschen besitzen, findet sich keine Spur weder im alten, nochim neuen Rom. — Noch abhängiger von griechischen Einflüssen war die Prosa-litteratur der Römer. Die alten volkstümlichen Lieder trugen doch wenigstensdie Keime dramatischer Kunst in sich und erleichterten den Übergang zur helle-nisierenden Bühnendichtung; dagegen fehlte bei den älteren Aufzeichnungen inungebundener Rede jede Spur künstlerischer Darstellung. Selbst ihre kriegerischenGroßthaten mußten die Römer anfangs den Griechen zur Beschreibung über-lassen, unter denen Polybios (A 199), des jüngern Scipio Freund und Waffen-gefährte, durch seine pragmatische Weltgeschichte vor allen hervorragt.

Als erster dramatischer Dichter, sowohl in ernster (tragischer) als in heiterer Lwius^An-(komischer) Form, wird Livins Andronkkns genannt, ein tarentinischer Grieche, der nach „m 2 M-M 6Eroberung seiner Vaterstadt (H 184) als kriegsgefangener Sklave in das Haus des M. LivinsSalinator (H 194) kam, wo er sich als Lehrer und Schreiber mancherlei Verdienste erwarbund deshalb mit der Freiheit beschenkt ward- Während seiner Lehrthätigkeit übersetzte er dieOdyssee ins Lateinische, ein Buch, das trotz der llnbeholfenheit der Sprache und der Fehler-haftigkeit der Übertragung lange beim Unterricht gebraucht wurde. Er versuchte auch, dasgriechische Drama in Rom einzuführen- Die von ihm bearbeiteten Tragödien und Komö-dien find, wie aus den Namen und Überschriften hervorgeht, der griechischen Mythologieentnommen und waren vermutlich nur freie Übertragungen griechischer Stücke in harterund schwülstiger Sprache. Zugleich verfaßte er für offizielle Gelegenheiten Bitt- und Dank-gesänge; zu seiner Belohnung wurde den Dichtern und Schauspielern der Minervatempel