H 204. Drittes Kapitel: Roms Aufsteigen zur Mittelmeergroßmacht (366—133). 425
schloß, bereichert. Ein Mann von Hellem Verstände, vielseitigem Wissen und scharfem Be-obachtungssinn, hat er die politischen, gesellschaftlichen und litterarischen Zustände seiner Zeit,die er vollkommen kannte und denen er als freier selbständiger Mann gegenüber stand, anseinem beobachtenden Blick vorübergehen lassen und sich über alle Erscheinungen und Per-sonen mit solchem Freimut und mit solcher rücksichtslosen Rüge aller Schäden und Gebrechenausgesprochen, daß von da an der Ausdruck „Satura" oder „poetisches Allerlei" (von ianxsatura ^ gemischte Schüssel), womit er seine „offenen Briese" ihres mannigfaltigen In-halts wegen belegte, die Polemisch-ethische Bedeutung empfing, die noch jetzt dem WorteSatire beiwohnt.
Wie überall, hat auch bei den Römern die Prosaschriftsteller« weit später als dieDichtung eingesetzt. Auch ihr ältester Zweig neben den Vorschriften für Landwirtschaft, schrewungdie römische Geschichtschreibung, ist spät entstanden; in den fünf ersten Jahr-hunderten der Stadt ist kein zusammenhängendes Geschichtswerk verfaßt worden. Die Jahr-bücher, Chroniken, Haus- und Familienannalen und andere Urkunden, ausdenen die spätere römische Geschichtschreibung ihren Stoff nahm, waren nur Stützen undHülfsmittel der mündlichen Überlieferung, wie die Aufzeichnung richterlicher Gutachten undEntscheidungen und die Belehrungen über Recht und Gerichtsverfahren zunächst nur praktischeZwecke für die Rechtspflege verfolgten. Erst in der soeben behandelten Periode erwachte inRom das Bestreben, die Thaten und Geschichte des römischen Volks in früheren Jahr-hunderten auf schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen.
Dabei gebrach es aber so sehr an aller Übung, daß man sich bei den ersten historischenDarstellungen entweder, wie Nävius und Ennius, der metrischen Form bediente und diegeschichtlichen Begebenheiten in gebundener Rede vortrug, oder die griechische Spracheanwandte, wie O. Fabius Pictor, L. Cincius Alimentus, Aulus Postumius O, FEusu. a. Erst am Ende dieser Periode wurden auch geschichtliche Jahrbücher in lateinischer geb"s 4Sprache bearbeitet, so von L. Cassius Hemkna (um 146), von L. Calpurnius Piso L. Cincius(Konsul 133), C. Fannius (Prütor 137) u. a. Dabei trat der wesentliche Unterschied "">210ein, daß, während die Dichtkunst in die Hände unfreier oder wenig geachteter Leute kam ^und somit der Makel der Bänkelsängerei, der an den Verfassern haftete, auf die ganze Poesie um issüberging, die prosaische Schriftstellerei von vornherein eine geehrte Beschäftigung war, mitder sich hauptsächlich Glieder senatorischer Familien und Männer aus angesehenen Beamten-kreisen befaßten.
Der erste wirkliche Prosaschriftsteller, den Rom hatte, war M. Porcius Cato, in^- Porciusdessen Person sich die Reaktion gegen den immer weiterfchreitcnden und immer mächtiger 2Z4-i«gwerdenden Hellenismus verkörpert. Die gebildeten Kreise waren wie bezaubert,als wissenschaftliche Größen wie Krates von Mallos in Rom den ganzen Glanz is?griechischer Wohlredenheit erklingen ließen und als zehn Jahre später die drei philosophischen IS6Schulhäupter Kritolaos, Karneades und Diogenes die wißbegierige Jugend Roms zuihren Füßen bannten. Zahlreich wanderten die jungen Römer nach Griechenland, um beiden berühmten Rhetoren in Athen und Rhodos die Feinheiten des guten Gedanken-ausdrucks zu lernen. Ängstlichen Gemütern schien gegenüber dieser unbedingten Hingabe andas Fremde das Vaterland in Gefahr zu sein, und die Anhänger altrömischer Sitte griffenzum einzig wirksamen Hülfsmittel, indem sie eine eigene Litteratur zu begründen versuchten.
Ihr Wortführer war Cato, der noch im Alter, um den hellenistischen Kosmopolitismus be-kämpfen zu können, die Werke der Hellenen zu studieren anfing. Die Strenge, womit diesermerkwürdige Mann, ein sabinischer Bauernfohn, als Censor die neue Richtung bekämpfte, »4hat seinen Namen sprichwörtlich gemacht. Auf sein Zuthun wurden die griechischen Philo-sophen aus der Stadt verbannt, die Rednerschulen geschlossen, die unzüchtigen Bacchusfesteund andere der Fremde entlehnte Kultusgebräuche mit Mysticismus, Wahrsagerei und Aber-glauben untersagt und Gesetze gegen Schwelgerei und Prunksucht erlassen. Auch dem Eindringengriechischer Heilkunde suchte er durch das Anpreisen der Hausmittel zu steuern, die ihm undseiner Frau ein langes Leben und feste Gesundheit verschafft hatten. Ein Mann von un-gemeiner Rührigkeit und eiserner Gesundheit und Körperkraft, hat er sein ganzes langesLeben daran gesetzt, der einreihenden Neuerung mit ihrem sittlichen Verfall entgegenzuwirkenund die Förderer derselben als seine persönlichen Feinde schonungslos zu bekämpfen; nochin seinem fünfundachtzigsten Lebensjahre hat er auf dem Markte „dem neuen ZeitgeistSchlachten geliefert". Von schlagfertiger Rede, treffendem Witze und großer Rechtskunde,war Cato ein geschickter Parteiführer im Senat wie in der Volksversammlung und in denGerichten; ein tapferer Kriegsmann, der gut zu befehlen und gut zu gehorchen verstand, dersich allezeit auszeichnete, mochte er als Befehlshaber die Legionen ins Feld führen oder inden Reihen der Wehrmänner Lanze und Schwert tragen (K 196,201), war er ein strenger Hüter