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Erster Band.
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ß 207. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—80). 433

Aristokratie hatte ihn zwar nicht aus der Dreimännerkommisfion zu ent-fernen gewagt, aber doch durch mehrfache Entsendungen dafür gesorgt, daßer ihnen zunächst nicht gefährlich werden konnte. Unterdessen hatte sichauch der scipionische Kreis dem Reformgedanken genähert: denn bei derAusführung der Maßregeln hatten sich so erschreckende Übelstände gezeigt,war es so klar geworden, daß der römische Bauernstand seinem Unter-gänge zueilte, daß diese Vaterlandsfreunde ihre Augen davor nicht zuschließen vermochten. Zugleich war man auf eine bisher zu wenig be-achtete Machtquelle des römischen Staates aufmerksam geworden, auf dielandsässtgen italischen Bundesgenossen, die in noch verhältnismäßigerEinfachheit dahinlebten, auf ihren kleinen, freien Höfen den Boden bautenund nicht zum wenigsten die Reihen der römischen Heere füllten. Schonlängst erwarteten die Jtaliker, vor allem die Latiner, seitens der römischenBürgerschaft den Lohn für mehr als hundertjährige Treue, ohne zu drängen,aber auch ohne abzulassen. Um ihre Gunst begannen nun beide Parteien zubuhlen. Fast schien es, als sollten die Optimalen den Sieg davontragen.

Denn die Dreimännerkommission machte den Versuch, die alten Assig-nationen, die durch besondere Verträge den Latinern zugewiesen waren,vor ihre Gerichtsbarkeit zu ziehen; damit entstand die Gefahr, daß dieLatiner zu Gunsten der besitzlosen Römerplebs zurückgesetzt würden. Inihrer Not wendeten sich die Latiner an Scipio Aemilianus, unddieser versprach auch, sich ihrer anzunehmen. Zunächst setzte er durch,daß die Gerichtsbarkeit, auch über die Grenzregulierungen wieder denKonsuln zugewiesen ward und somit in aristokratisches Fahrwasser kam.

Dann aber sprach er sich für die Latiner aus und wollte schon ein siebetreffendes Gesetz an das Volk bringen, als ihn ein rätselvoller Tod, 712svielleicht durch Mörderhand, dahin raffte. Mit ihm schied der edelsteVertreter einer ideal denkenden Mittelpartei aus der Welt, und der Staatward nun der Spielball der Kapitalisten und der extremen Reformer.

Die Mittelpartei hat von da ab nie wieder wirklich entscheidenden Ein-fluß gewinnen können; die socialen und politischen Kämpfe tobten weiter,bis die Republik in einem Meer von Blut ertrank.

Der alle tief erschütternde Tod des letzten Scipionen schaffte dem^Ifa-A^gequälten Staate eine Weile Ruhe; aber es war die unheimliche Stille vordem Sturme. Den gemachten Fehler durfte man nicht wiederholen;denn die Empörung einer der treuesten Bundesgenoffenstädte, Fregellä,belehrte beide Parteien, daß der einmal aufgetauchte Gedanke, die Jtalikerzum römischen Bürgerrecht zuzulassen, nicht wieder zu unterdrücken war.

Wenn auch die Rebellion niedergeschlagen und auf das grausamste bestraftwurde, sie zeigte, welchem Abgrund der Staat zueilte. Darum faßte auchdie Reformpartei den Gedanken, durch das frische Blut der Jtaliker denalternden Staat aufzufrischen, scharf ins Auge, vor allem GajusGracchus, der die Führung übernahm. Jedoch ging er dabei, trotzdes glühenden Haffes gegen die Feinde seines Hauses und seiner Welt-anschauung, vorsichtig zu Wege. Ob er in Wirklichkeit monarchischeGelüste hatte, wie man gemeint hat, ob diesen leidenschaftlichen und dochklug alles Mögliche erwägenden Mann bloß ideale Beweggründe trieben,kann man bei der kurzen Zeit, die sein Wirken umfaßt, und der jähenVereitelung seiner Pläne nicht mehr entscheiden. In ihm finden sichZüge von Cäsar und Napoleon neben den. idealen Wünschen welt-

Weber-Baldamus, Weltgeschichte. 21. Aufl. I. 28