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Drittes Buch: Römische Geschichte.
Z 207.
verlorener Menschheitsbeglücker. Er war geboren, sein Volk zur Höhe zuführen oder ins Elend zu stoßen; eine geniale Begabung war ihm eigen,des Volkes Seele zu lenken und zu erschüttern; er besaß eine zwingendeMacht über die Gemüter, die sich nur aus seiner Hingabe an ideale Zieleerklären läßt; daneben aber stand die kühlste, kälteste Berechnung, diedie Volksleidenschasten nur zum Lenken der Figuren aus dem Brettspiel derWelt benutzt und, sich ihnen scheinbar unterordnend, sie nur als Mittelkennt, um daraus das Riesenbild der absoluten Macht zu formen.
Mit klarem Blick und vollem Bewußtsein betrat er den Weg derRevolution und strebte daneben nach Rache an den politischen Gegnern, dieihm den Bruder erschlagen hatten. Seine große Beredsamkeit erwarb ihm123 gleich nach seiner Wahl zum Tribunen einen mächtigen Anhang unter denReformen niederen Volksklassen, deren augenblickliche Not er durch Straßenbauten,. Gracchusund andere öffentliche Arbeiten und vor allem durch überseeisch eAus-wanderung nach der neuen, auf Volksbeschluß in dem Gebiete vonKarthago anzulegenden Kolonie Junonia zu lindern suchte. Mehr nochgewann er durch ein Korngesetz die hauptstädtischen Wähler: durchVerkauf von Brodkorn zu außerordentlich niedrigem Preise aus Staats-speichern lieferte er den hungernden Massen das tägliche Brod undfesselte durch diese Gabe die römischen Armen an seine Person. Es glücktedem klugen Volkssührer aber auch. in den Reihen der Aristokratie eineSpaltung zu erzeugen, indem er durch zwei Gesetzesvorschläge, über Um-gestaltung des Gerichts Wesens und über Änderung der Steuerver-fassung der Provinz Asien, die Ritter, d. h. die Geldaristokratieund Kaufmannschaft, aus seine Seite zu bringen und von dem Adel oderSenatorenstand zu trennen wußte. Die Bestimmung, daß in Zukunftdie richterliche Untersuchung sowohl über Staatsverbrechenals über bürgerliche Rechtsklagen nicht mehr wie bisher demSenatorenstande (8 202). sondern dem Ritterstande zustehen solle, bewirkte,daß die Senatoren dem aus Standesgenoffen und Gleichen (Pairs) be-stehenden Geschworenengerichte entzogen und einem Gerichtshof, der ausniedriger gestellten und ihren Standesinteressen fremden Gliedern bestehensollte, unterworfen wurden, was ihr Ansehen schwächte und eine tiefgehendeSpaltung zwischen der Amts- und Geldaristokratie erzeugte. DenselbenZweck hatte der Vorschlag, die bisherige Steuerverfassung der Provinz Asiendurch Volksgesetz dahin zu ändern, daß nicht mehr den einzelnen Gemeindenfeste Summen auferlegt, sondern daß fortan Zehnten, Hutgeld und Zölledaselbst erhoben und in Rom verpachtet werden sollten; dadurch wurdendie reichen Ritter und Kaufherren der Hauptstadt, die nun als Mittels-männer (Publicani) eintraten und aus der gepachteten Erhebung großenGewinn zu ziehen hofften (Z 205), für die Neuerung gewonnen. Nunmehrhielt er den Zeitpunkt für gekommen, um den Hauptschlag zu wagen. Esgenügte ihm nicht mehr, das Ackergesetz seines Bruders durchzudrängen unddas Gemeindeland zu verteilen, er strebte nach einer Umgestaltung der ganzenVerfassung; das durch Volksbeschluß erwirkte Gesetz, daß die Tribunenjedes Jahr von neuem gewählt werden dürften, sollte ihm vielleicht denWeg zu einem Volkstribunat auf Lebenszeit bahnen, eine Stellung, die erzur Schwächung oder Beseitigung der Senatsherrschaft und zur Begrün-dung einer auf die demokratische Volksversammlung sich stützenden stän-digen Staatsleitung hätte benutzen können. Gedrängt von seinem Genossen