§ 208. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 437
Unheil nicht gleich rapid wuchs, daß die Ausdehnung der Großbetriebe, dieschon in Etrurien alle freien Arbeiter beseitigt hatte, nicht ganz Italien umfaßte,verhinderte die zunächst festgehaltene Trennung der Bundesgenossen von denRömern. Da zwischen beiden kein Commercium (Z 181) bestand, so warenihre Hufen fast unveräußerlich und.dem Landhunger der römischen Latifundien-besitzer ein Riegel vorgeschoben. Diese ungewollte Folge der Zurückhaltung derJtaliker schob den socialen Zusammenbrach noch eine Weile hinaus, vermochteaber nicht das allmähliche Zusammensinken des Staates zu verhindern.
Denn die römische Mobilität, die bis dahin auf manche ihrer Leistungenhatte stolz sein dürfen, verfiel nunmehr auch innerlich. Die Verbindungen NobuuLtmit der Ritterschaft brachten unermeßliche Reichtümer nach Rom und steigertenden Luxus und die Verschwendung ins Maßlose. Hatte es schon vorher anTalenten und Charakteren gefehlt, so ward nunmehr der Mangel daran geradezuzur Regel. Bei dem schlottrigen Regiment, das die restaurierte Nobilitätführte, waren Sklavenaufstände, Ausplünderung der Provinzen und danebenSeeräuberei alltägliche Dinge. Selbst die Führer der Nobilität waren nichtdavon frei, Geld zu nehmen, ohne nach seinem Ursprung und Zweck zu fragen.
Die Republik war schon damals reif zum Niederbruch; es fehlte nur noch derMann, der die schleifenden Zügel des Regiments aufnahm.
Ehe es aber dahin kam, mußte Rom noch schwere Kämpfe bestehen.
Der erste derselben, der jugurthinische Krieg, ist freilich nicht sehr be-deutend, aber dadurch denkwürdig, daß es einem klugen Beduinenscheikh gelang,fast 15 Jahre lang die Weltmacht Rom durch ihre eigene elende Regierungin Schach zu halten. Im Vertrauen auf die sittliche Entartung und diein Rom herrschende Käuflichkeit faßte Jugurtha, der schlaue, kriegs-gewandte und herrschsüchtige Enkel des Masinissa (Z 195), den Entschluß,das Königreich Numidien, das er anfangs mit seinen beiden VetternHiempsal und Adherbal gemeinschaftlich regierte, sich allein zuzueignen.
Er trug zuerst aus eine Teilung an, ließ dann während der Ver-Dynau-Handlungen darüber den Hiempsal durch Meuchelmörder aus dem Weg MasinUasräumen und nötigte den Adherbal zur Flucht in die römische Provinz,von wo sich dieser nach Rom begab und den Schutz des Senats anflehte.Jugurtha, der einst im römischen Heere vor Numantia gedient hatte,und von dort her wußte, daß in Rom alles seil sei, bewirkte durchgroße Geldsummen, die er unter die einflußreichsten Senatoren verteilenließ, daß der an Hiempsal begangene Mord nicht nur ungestraft blieb,sondern daß er bei einer neuen, durch eine römische Kommission vor-genommenen Teilung die bessere Hälfte im Westen, Adherbal den fastganz aus Sandwüsten bestehenden östlichen Theil erhielt. Ermutigtdurch diesen Ausgaug, strebte Jugurtha nach dem ganzen Reich. Erüberzog seinen Vetter mit Krieg und belagerte ihn in der Stadt Cirta(Konstantine). Unterstützt von den italischen Bewohnern, leistete Adherbaleinige Zeit Widerstand und wendete sich dann abermals um Hilfe nach Rom.
Aber der Senat, aufs neue von Jugurtha bestochen, begnügte sich miteiner Gesandtschaft, die den numidischen König von weiteren Gewalt-schritten abmahnen sollte. An ihrer Spitze stand M. Aemilius Scaurus,das Urbild eines heuchlerischen Optimalen, der stets tugendstolze Worteim Munde führte, aber dabei bereit war, sich und sein Ansehen an denMeistbietenden zu verkaufen. Jugurtha wußte sich dieser käuflichen Ge-sandtschaft zu entledigen und zwang dann die Stadt zur Übergabe, worauf ULAdherbal unter Martern getötet und die erwachsene männliche Bevölkerung,Afrikaner wie Jtaliker, ermordet wurde.