I 208. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 439
nach siebenjähriger Dauer der Krieg zu Ende. Am 1. Januar 104 hieltMarius seinen glänzenden Siegeseinzug nach dem Kapitel. Vor demTriumphwagen schritt Jngurtha gesesselt und in königlichem Schmuckenebst seinen beiden Söhnen einher. Dann wurde der gekrönte Verbrechervon unbarmherzigen Schergen halb entblößt in das dunkle Kerkergewölbeam Kapital hinabgestoßen. „Wie kalt ist euer Badegemach!" rief derAfrikaner aus, als er die Schwelle des alten Brunnenhauses überschritt.Sechs Tage widerstand seine eiserne Natur der Macht des Hungers undder Kälte; da kam endlich die Hand des Nachrichtens dem zögernden Toddurch Erdrosseln zu Hilfe. Bacchus erhielt als Lohn für seinen Verratdie westliche Landschaft Numidiens; das übrige Land gaben die RömerJugurthas Halbbruder Gauda.
Dieser an sich nicht bedeutende Kampf, der nur durch Sallusts (Z 240)farbenreiche Schilderung uns deutlicher entgegentritt, ist um seiner Begleit-erscheinungen willen wichtig. Denn einmal zeigt sich in ihm der Verfall derNobrlität und dann die Thatsache, daß die Militärs zum ersten Male alsbestimmend auf der politischen Bühne auftreten und die Macht an sich zu reißensuchen. Daß Marius an eine Thrannis gedacht hat, ist für den damaligen Zeit-punkt sehr zweifelhaft; daß er aber mit Hilfe der Popularpartei emporzukommentrachtete, ist sicher. Er war der Sohn eines armen Bauern aus dem Dorfe Cereatäbei dem Landstädtchen Arpinum; geboren 155, hatte er sich während seinesTribunats (119 v. Chr.) zuerst durch den Vorschlag, daß die für die Wählenund Abstimmungen eingerichteten Brückchen auf dem Campus Martins ver-engert und die Täfelchen nicht betrachtet werden sollten, als Gegner der Vor-nehmen erwiesen, indem er dadurch der Wahlbeherrschung durch die Optimalen,die auf diesen Brückchen zu stehen und die Abstimmung zu überwachen pflegten,Schranken setzte. Dann hatte er sich mehrfach als Offizier bewährt und gegen-über der überfeinerten Civilisation seiner optimatischen Berufsgenossen in einemrauhen Stolze seinen Ruhm gesucht. Von griechischer Bildung und von demVerdienste, der im Besitz der Ahnen allein ruhte, wollte er nichts wissen, wieer einmal selbst in einer Rede äußerte, die er nach seiner Wahl zum Konsul hielt.
Das sicherste Mittel, welches es gab, um dem Führer der Popularparteieine starke Stütze zu schaffen, erblickte Marius in der Reorganisierung desHeeres. Dasselbe beruhte fast ganz aus der ehemals von Servius getroffenenEinteilung (§ 167) mit den bis zu den punischen Kriegen notwendig gewordenenAbänderungen (Z 185, 202). Jedoch war die Bürgerreiterei immer mehr zu einerArt Gardetruppe geworden, und in den zum Kriegsdienst berechtigten Bürger-klassen begann es bedenklich an Rekruten zu fehlen, ein Umstand, der um somehr ins Gewicht fiel, als die Heere sich aus immer größere Räume verteilenmußten und länger bei den Fahnen blieben. Die Kontingente der italischenBundesgenossen schwanden auch immer mehr zusammen, so daß man schonfrüh sich hatte entschließen müssen, wenigstens für die leichten Truppen außer-italische Bundesgenossen, wie die balkarischen Schleuderer, die afrikanischen Reiterund die behenden Ligurer zu werben. Bald folgte hier die schwere Kavallerienach, und C. Marius that den folgenschweren Schritt, nun auch die Infanterieder Legionen zu reformieren. Das alte Rekrutiernngssystem wurde zwar bei-behalten, aber daneben wurde es jedem Bürger, besonders den Proletariern undFreigelassenen, freigestellt, freiwillig unter die Fahne zu treten. Zugleich hörtefür den Legionär jeder Unterschied der Bewaffnung und dadurch auch die altearistokratische Gliederung auf. Damit verbanden sich ein neues, der Gladiatoren-fechtkunst entlehntes Exerzierreglement und zahlreiche praktische Verbesserungenin der Bewaffnung und Ausrüstung der Soldaten. Vor allem die Fechtweisemit dem Schwerte wurde wesentlich verbessert und der einzelne Mann auf dassorgfältigste durchexerziert. Ferner änderte Marius auch die Einteilung der