Z 210. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 443
bewährte der Senat seine Klugheit, indem er den Marias, der als Konsul T^ng deszur Aufrechterhaltung der Ordnung verpflichtet war, die Aufgabe über-trug, die neuen Gesetze durchzuführen. An dem Widerspruch zwischenseinem Amte und feiner Parteistellung scheiterte das Unternehmen. Schonbei der Eidesleistung hatte er die Gesetze nur beschworen, soweit „sie ver-fassungsmäßig seien". Dem hauptstädtischen Pöbel war er verdächtig, weiler den Jtalikern das Bürgerrecht geben wollte, und so erfolgte denn eineTrennung des Marius und der Demokratenpartei, die beiden Teilen diesichere Niederlage bringen mußte. Zunächst ereilte die beiden Demagogenihr Schicksal. Da sie mit Marias, der in halben Entschlüssen hin undher schwankte und in seinem Konsulatsjahr den Ruhm unbeugsamer Ent-schlossenheit vernichtete, den er durch dreißig Soldatenjahre erworben hatte,nicht zum Ziel gelangen konnten, beschlossen sie, aus eigene Hand dasbegonnene Werk durchzusetzen. Zu dem Zweck betrieb Satnrninus die Ver-längerung seines Tribunals durch neue Wahlen und suchte zugleich dieErhebung seines Genossen Glaucia zum Konsul durch bewaffnete Bandenzu erzwingen. Die Konsulwahl fand kurz vor dem 10. Dez. 100 statt, andem Tage, wo die Tribunen ihr Amt antraten. Marius hatte die Wahl p^iso lange hinausgezögert, um möglichst viel Anhänger der demokratischenPartei in der Stadt zusammen zu bringen. Die Gemäßigten hielten je-doch so fest zusammen, daß sie gleich beim ersten Wahlgange den einenihrer Kandidaten durchbrachten. Da der zweite, der wackere Tribun C. Mem-mius (Z 208), noch mehr Aussichten hatte, gewählt zu werden, griffendie Häupter der demokratischen Partei zur Revolte und schlugen den un-bequemen Bewerber mitten in der Volksversammlung tot. Damit wardas Zeichen zum Bürgerkrieg gegeben. Während die Pöbelhaufen denSaturninus zum König ausriefen, ermannte sich der Senat. An seinerSpitze erschien bewaffnet auf dem Markte sein greiser Vormann M. Scaurus.
Die junge Mannschaft der vornehmeren Stände wurde aufgeboten und vondem Konsul Marius selbst Wider die durch Sklaven verstärkte Volksparteigeführt. Bald kämpfte man in allen Straßen der Hauptstadt. DieDemokraten erlagen und wurden auf das Kapital gedrängt, wo man sie UUmo-zur Ergebung zwang. Man sperrte sie in das Rathaus, und Marius gab kraus-he,,sich alle Mühe, für die Führer, die ihn öffentlich der Mitschuld anklagten, ^ °eine gerichtliche Verhandlung herbeizuführen. Allein die vornehme Jugend,die ihm nicht traute, erklimmte ohne Befehl das Dach und tötete dieGefangenen mit den abgedeckten Ziegeln. Dieser Ausgang verlieh derRegierungspartei den vollständigen Sieg; Marius aber war infolge desobenerwähnten Konflikts moralisch vernichtet. Um nicht den ehrenvollenEinzug seines zurückgerufenen Gegners Q. Metellus mit ansehen zumüssen, begab er sich freiwillig auf einige Zeit nach dem Orient. Die o»demokratische Partei lag gedemütigt am Boden, und es erwies sich wiedereinmal die alte Wahrheit, daß Pöbelhaufen für sich allein zwar Revolutionmachen, aber nur dann regieren können, wenn andere Teile des Volkesauf ihre Seite treten.
Das feine Werk des C. Gracchus, die Geld- und Geburtsaristokratie inGegensatz zu bringen, schien in dem Kampfe mitvernichtet. Die Ritterschaft,mit dem Senatorenstand ausgesöhnt, benutzte ihre richterliche Stellung, umsich der demokratischen Gegner zu entledigen. Wenn aber die Ritterschaftbereitwilligst dem Senat gegen die Demokratie beigestanden hatte, so war