ß 215. BierteZ Kapitel: Die socialen und politischen Kämpft (133—30). 453
Tribus mit vollem Bürgerrecht zu verschaffen. Jedoch die Optimaten wider-setzten sich und ihr Vertreter, der Konsul Cn. Octavius, griff zu denAZVatmWaffen: auf dem Forum kam es zum Kampfe, und nach einem blutigen ^Straßengefechte ward Cinna von den Optimaten des Konsulats für ver-lustig erklärt, mit dem tapfern und edlen O. Sertorins und vielen seinerAnhänger aus der Stadt vertrieben und mit der Acht belegt. Rache-dürstend zog Cinna zu den römischen Bundesgenossen, die durch dieEngherzigkeit der römischen Aristokratie der Form nach zwar das Bürger-recht erhalten hatten, in Wirklichkeit aber zur Bedeutungslosigkeit ver-urteilt waren, und fand begeisterte Zustimmung. Bald hatte er Scharenunzufriedener Neubürger, Bundesgenossen und Sklaven, denen er die Frei-heit verhieß, um sich gesammelt, und nun rief er seinen Freund Mariuszu seinem Beistande.
Diesen beseelte nur der eine Wunsch, an seinen Feinden Rache zu nehmen.
Er folgte rasch dem Rufe, sammelte in Etrurien eine Kriegsschar und zwang,in Verbindung mit Cinna, die durch Hunger, Seuchen und Zwietracht ent-kräftete Stadt zur Übergabe. Jetzt ließ Marius, durch die zitterndenSenatoren von der Acht befreit, seinem Rachegefühl freien Lauf. Bandenroher Krieger durchzogen raubend und mordend die Straßen der Hauptstadt;der Konsul Cn. Octavius wurde vor seinem eigenen Hause niedergestoßen;die Häupter der Aristokratenpartei, unter ihnen die edelsten Senatoren undKonsularen (der Besieger der Cimbern Catulus, die Redner M. Antoniusund P. Crassus, L. und C. Cäsar) wurden erschlagen, ihre Häuser ge-plündert und verwüstet, ihre Güter eingezogen und ihre Leichen un-beerdigt den Hunden und Raubvögeln preisgegeben. Rom fühlte fünf Tageund fünf Nächte lang alle Schrecken und Greuel einer eroberten Stadt.
Nach gesättigter Rache ließ sich Marius zum siebenten Mal mit Cinna Ansang sszusammen zum Konsul wählen und erreichte so das Ziel, das ihm einst inder Jugend ein Orakelspruch zugesichert hatte und dem der abergläubischeMann seit vielen Jahren nachgejagt war. Aber die furchtbare Aufregung,in welche ihn die eigene Mordwut und die mit Neid gepaarte Furchtvor Sullas Glück und Rache versetzt hatten, verscheuchte die Ruhe ausseiner Seele, den Schlaf von seinen Augen; rastlos trieb er sich umherund suchte sich mit Wein zu betäuben, bis ein hitziges Fieber mit wildenPhantasiebildern nach siebentägigem Krankenlager seinem Leben ein Endemachte. Marius, eine ursprünglich kernbrave und tüchtige Natur, einrechter Nachkomme des Dentatus und Fabricius, hatte das Unglück, zulange zu leben. Wäre er nach dem Triumph über die Cimbern und Teu-tonen gestorben, so hätte man ihn, wie Juvennl (§ 256) sagt, zu den glück-lichsten der Sterblichen rechnen können. Als Militär eine glänzende Er-scheinung, war er als Staatsmann schlechthin unfähig, und seine unge-zügelte Leidenschaft brachte es am Ende seines Lebens dahin, daß seineMitbürger wünschten, er wäre nie geboren worden. Bei der Nachrichtvon seinem Tode atmete Rom und Italien auf, wie einst bei der Kundevon der siegreichen Schlacht auf den raudischen Feldern. Viertausend seinerruchlosesten Genossen ließ Sertorius einige Zeit nachher niederstoßen.
Nach des Marius Tode trat eine Zeit der Ruhe ein. Die römische HZAWDemokratie regierte, die Jtaliker schloffen sich eng an sie an, und so konnte W-Cinna es wagen, zwei weitere Jahre, ohne das Volk um Wahlen zubemühen, das Konsulat zu verwalten. Die Optimaten waren versehmt