Band 
Erster Band.
Seite
455
JPEG-Download
 

Z 216. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 455

Rache und die Beute zu entziehen. Ernsthafter Widerstand ward, be-sonders nach dem Fall von Präneste, nicht mehr gewagt. Auch dieProvinzen wurden in kürzester Zeit ihrer demokratischen Machthaber ent-ledigt, so daß die Populären thatsächlich kaum einen Ort hatten, wohinsie noch flüchten konnten. Damit war Sulla der Alleinherrscher geworden.

§ 21k. Sullas Alleinherrschaft und Ende (83-79). Nach Über-wältigung des bewaffneten Widerstandes blieb Sulla nur noch die weitleichtere Aufgabe, seine politischen Gegner unschädlich zu machen und zu-gleich seine Anhänger und sein Heer zu belohnen. Er ging dabei den-selben Weg, den ihm die Demokraten im Jahre 87 vorangegangen waren,nur mit viel mehr kalter Leidenschaftslosigkeit und Berechnung als jene.Hunderttausend Menschenleben hatte der Bürgerkrieg schon weggerafft, alsSulla (nunmehr der Glückliche genannt) zur Vervollständigung seinesSieges die Äch tungs (Pros criptions) listen bekannt machte, auf denen ^npaonsndie Namen derjenigen standen, die von jedem getötet und ihrer Habeberaubt werden durften. Dadurch wurden alle Bande des Bluts, derFreundschaft, des Gastrechts und der Pietät zerrissen; Söhne wurden widerihre Väter, Sklaven Wider ihre Herren bewaffnet; den Hehler traf dieselbeStrafe wie den Geächteten, während der Angeber einen Teil der Gütererhielt. Über hundert Senatoren und Konsularen und über zweitausendRitter fanden ihren Tod. Das Grab des Marius wurde aufgerissen undseine Asche in den Anio geworfen, seine Siegeszeichen wurden umgestürzt,sein Neffe und Adoptivsohn M. Marius Gratidianus aus seinem Versteckgezogen und am Grabe des Catulus unter grausamen Martern hingerichtet.

Die wildesten Leidenschaften rasten viele Monate hindurch ungefesselt inRom und Italien. Sulla, aus unbestimmte Zeit zum Diktator D°mat°rernannt und mit absoluter Macht zur Abfassung von Gesetzen und zur ^Ordnung des Gemeinwesens ausgerüstet, erließ hieraus die CornelischenGesetze, wodurch die ganze Staatsgewalt in die Hände der Optimatenkam, den Rittern das Richteramt entzogen ward und die Verwaltung derProvinzen und die Lage der untern Volksklassen neu geordnet wurden.

Der durch Sullas Anhänger und viele Mitglieder aus dem Ritterstandauf 500 (durch Volkswahlen) vermehrte Senat besorgte fortan die oberste ^formenGerichtsbarkeit und leitete die Gesetzgebung und Verwaltung,während die Volksversammlungen durch Aushebung des hortensischenGesetzes (§ 185) wieder in die veralteten Centuriatkomitien umgewandeltwurden und das Tribunat auf einige Zeit zu einem Schatten ohneMacht herabsank, da ihm lediglich das Recht der Jntercession verblieb:ohne Erlaubnis des Senats durfte weder ein Tribun noch ein andererBeamter zum Volke sprechen. — Nach Vollendung dieser Einrichtungen '9zog sich Sulla aus sein Landgut bei Cumä zurück, wo er bald, sei es aneinem Blutsturz, sei es an einer schrecklichen, durch Schwelgerei herbei-geführten Krankheit, im sechzigsten Lebensjahre verstarb. Seine Leiche T°dwurde in endlosem Zuge, die siegreichen Feldzeichen und Rutenbündel voran,nach Rom getragen, dort unter den großartigsten Trauerfeierlichkeiten, mitzweitausend goldenen Kränzen geschmückt, den letzten Ehrengaben der treuenLegionen, der Städte und Freunde, auf dem Marsfelde den Flammenübergeben, und seine Asche neben den Gräbern der alten Könige beigesetzt.

Über kaum einen der geschichtlichen Helden Roms gehen die Urteile so auseinander,wie über Sulla. Die einen, an ihrer Spitze Niebuhr, um der älteren Urteile nicht zu