H 218. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 459
der Westen von Rom ablösen sollte. Ein aus den Häuptern der Emi-granten gebildeter Senat von 300 Mitgliedern verwaltete die pyrenäischeHalbinsel; die Piraten vermittelten den Verkehr zur See mit Italien undKleinasien; Mithradates schloß ein Bündnis mit dem Demokratenführer,der ihm gegen Schiffe und Geld geschickte Offiziere überließ und ihm dieAbtretung der kleinasiatischen Bundesstaaten mit Ausnahme der ProvinzAsien versprach. Stark durch seinen erfinderischen Geist wie durch dieAnhänglichkeit des spanischen Volkes, widerstand Sertorius mehrere Jahre^E/anienmit Glück und Ruhm den Angriffen der Feinde, dem Gold und den ^-72Waffen des Metellus Pius wie der Tapferkeit und Kriegskunst desPompejus. Da griff die Optimatenpartei zu der so oft erprobten Waffedes Meuchelmords und Verrats. Indem man die Häupter der Emi- IAorwsgrauten, unter ihnen den llnterfeldherrn M. Perpenna, durch den Hin- ^weis auf ihre unwürdige Stellung und durch Aussicht aus Begnadigungverlockte, suchte man den siegreichen Sertorius zu beseitigen. Aber erstals er auf Anstiften Perpennas von seinen neidischen Genossen bei einemGastmahl im spanischen Osca (heute Huesca) ermordet worden war, gelanges dem kriegskundigen Cn. Pompejus, der sich als Jüngling an Sullaangeschlossen hatte und nun als das Haupt der Aristokraten galt, die In-surgenten zu überwinden und sie der Republik wieder zu unterwerfen. Denverräterischen Perpenna lieferte er in die Hände des Scharfrichters, unddie Briefschaften des Sertorius, durch deren Auslieferung fich der Elendedas Leben zu retten gehofft hatte, übergab er ungelesen den Flammen. EinTeil der Emigranten wurde in Südgallien angesiedelt, einem andern dieRückkehr in die Heimat gestattet; der Rest fechte fein Abenteurerleben fort.
Pompejus, den ein beispielloses Glück weit über die Atmosphäre hinaus- Pompejushob, in der zu leben die Natur ihn bestimmt hatte, war am 29. September 106(nach Anderen 112) in der Landschaft Picenum geboren und schon als ganz jungerSoldat an die Spitze von Heeren getreten. Zu einer Zeit, wo es nach demGesetze ihm noch nicht erlaubt war, selbst das niederste kurulische Amt zu bekleiden,hatte er Armeen zum Siege geführt und Triumphe gefeiert. Überall warf ihmdabei das Glück verschwenderisch seine Gaben in den Schoß. So hatte er imJahre 82 die letzten Reste der Demokraten in Sicilien vertilgt und deren FührerCn. Papirius Carbo in Lilybäum hinrichten lassen. Ebenso gelang es ihm' ohne große Mühe, Afrika zu unterwerfen und die demokratische Armee desCn. Domitius Ahenobarbus zu zertrümmern. Sulla hatte mit der ihm eigenenkalten Ironie das übermäßige Wachstum des eiteln Jünglings ertragen, ihmselbst den Beinamen „des Großen" beigelegt und den Vergleich mit Alexandergezogen. Kein Wunder, daß nach so vielen Erfolgen Pompejus selbst sich zuAußergewöhnlichem berufen glaubte und ernstlich ins Auge faßte, SullasNachfolge anzutreten. Dazu war ihm jedes Mittel recht; sein übermäßig eitlerSinn ließ es zu, daß er sich von feiner herzlich geliebten Gattin Antistiatrennte, um Sullas Stieftochter heiraten zu können: kaltblütig tötete er als„jugendlicher Henker" politische Gegner, die früher seine Freunde gewesen waren.
Nach Sullas Tod war ein Erstarken des Senats eingetreten, und Pompejushatte sich in geheimer Gegnerschaft gegen diesen grollend zurückgezogen. Alsdie Unfähigkeit der Senatsfeldherrn die sertorianische Gefahr riesengroß an-schwellen ließ, konnte man schließlich nicht anders, als Pompejus nach Spanien 77schicken. Hier zeigte sich im Kampf mit seinem gewandten Gegner seine mittel-mäßige Begabung auf das deutlichste. Nur dem unerhörten Verrate desPerpenna hatte er es zu verdanken, daß er den Sieg, den Metellus in derHauptsache vorbereitet hatte, gewann und den Triumph über die von neuem