Z 220. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—3V). 463
8 220. Der Seeräuberkrieg. (78—67.) Die fortwährenden Partei- Ausbreitungkämpfe der Römer und der wechselvolle Krieg mit Mithradates hatten räubsrein Unwesen groß werden (äffen, das das ganze Mittelmeer überwucherte.
In den unfruchtbaren Gebirgsländern des südlichen Kleinasien (Kilikien,
Karien, Lhkien, Jsaurien) wohnten kühne, noch nie unterworfene Völker-stämme, die im Bunde mit dem feit Alters durch Piraterie berüchtigtenKreta, mit den Bewohnern von Cypern und anderen Inseln gegen tausendkleine schnellsegelnde Schiffe und Barken ausrüsteten und damit dasMittelmeer beunruhigten, Inseln und Küsten mit Raub und Verwüstungheimsuchten, reiche Tempel plünderten, vornehme Römer als Gefangene fort-schleppten, um hohes Lösegeld zu erpressen, und Handel und Wandelauf das empfindlichste störten. Man rechnete damals über vierhundertvon den Piraten eingenommene oder gebrandschatzte Ortschaften, darunterStädte wie Knidos, Samos, Kolophon. Aus nicht wenigen früher blühendenInsel- und Küstenplätzen wanderte die gesamte Bevölkerung aus, um nichtvon den Seeräubern fortgeschleppt und als Sklaven an die römischen Guts-besitzer und Großhändler verkauft zu werden. Eine große Zahl politischerFlüchtlinge und verkommener Leute vermehrte die Reihen der Seeräuber.
Sie bildeten eine politische Macht, mit der Mithradates und die römischeDemokratie in Spanien in Verbindung getreten waren. Die wahreHeimat dieses „schwimmenden Flibustierstaates" war die See; in denFelsenburgen Kilikiens, Lykiens und Jsauriens bargen sie ihre Weiber,
Kinder und Schätze, suchten sie in drohenden Zeitlagen eine sichere Zufluchts-stätte. Die Römer, deren Seemacht, die an sich schon schwach war,während der bürgerlichen Unruhen gänzlich darniederlag, waren nicht imstände, diesem Unwesen zu steuern, wie tapfer auch P. Servilius Vatia, is-mder sich durch Zerstörung der Räuberstadt Jsaura und anderer Felsen-schlösser den Namen Jsauricus erwarb, zu Lande Wider sie stritt. DiePiraterie wurde dadurch ebensowenig unterdrückt, wie durch die vonQ. Cäcilius Metellus bewirkte Eroberung der Insel Kreta; der Über-mut der Korsaren ging so weit, daß sie die in einem Seegefecht gefangenenRömer an den Mastbäumen der erbeuteten Schiffe mit deren eigenenKetten ausknüpften. Der latinische Bauersmann, der Reisende auf derappischen Straße, der vornehme Badegast in Bajä waren ihrer Habe undihres Lebens keinen Augenblick sicher; aller Handel und aller Verkehrstockte; die entsetzlichste Teuerung herrschte in Italien und besonders inder Hauptstadt.
Diese Verhältnisse forderten eine gründliche Heilung und diese zu bringen,schien kein anderer berufen als der „große" Pompejus, dem also auch dieserneue Erfolg beschieden war. Diesen drückte schon lange die Unthätigkeit,zu der er sich seit dem Jahre 70, seinem Konsulatsjahre, verurteilt sah;er schaute sich nach neuen Feldern für seine Ruhmbegier um und suchteMänner, die sich ihm zur Verfügung stellten, um ihm das Kommandoin dem Kampfe gegen diese allgemeine Weltplage zu verschaffen. Ein feilerVolkstribun, A. Gabinius, bot sich als Werkzeug an und wußte des Pom-pejus Wunsch zu erfüllen. Daß der Seeräuberkrieg notwendig war, sahenauch des Pompejus Gegner ein, und so wurde, allen Gegenbemühungen derAristokratie zum Trotz, dem Pompejus in der Volksversammlung durchdas Gabinische Gesetz eine Küsten- und Seediktatur über alle Meere,
Inseln und Küstenländer zehn Meilen landeinwärts mit unumschränkter