H 233. Viertes Kapitel: Die socialen und politischen Kämpfe (133—30). 495
Der traditionellen Verpflichtung aller Einzelherrscher, sich auch der U^undgeistigen Kultur ihrer Unterthanen anzunehmen, Kunst und Wissenschaft,zu fördern und aus ihrem Hofe einen Sammelplatz aller geistig bedeutendenMenschen ihrer Zeit zu machen, war sich Cäsar ebenfalls voll bewußt. Leiderhat feine Regierungszeit zu kurz gedauert, als daß es ihm vergönnt gewesenwäre, für Dichtung und bildende Kunst, denen er ein großes Interesse undaußergewöhnliches Verständnis entgegenbrachte, etwas Nachhaltiges zu thun;dieser Ruhm blieb seinem großen Nachfolger vorbehalten. Doch verdankt dieWelt Cäsars Einsicht einmal die Bestimmung, daß Bildung allein, schon einAnrecht auf das römische Bürgerrecht geben solle, indem er den Ärzten undLehrern der freien Wissenschaften das Bürgerrecht verlieh, seinen kärglichen Muße-stunden schuldet sie die Durchführung der julianischen Kalenderreform. Der römischeKalender war durch die Unkunde der Pontifices, denen die Aufsicht und Regelung Kals nde r-desselben zustand, in heillose Verwirrung geraten. Darum ließ Cäsar, mit astro-nomischer Wissenschaft vertraut und als oberster Pontifex mit der Leitung derJahresrechnung beauftragt, durch den alexandrinifchen Gelehrten Sosigenesden julianischen Kalender einrichten, durch den das althergebrachte offizielleMondjahr von 354 Tagen durch die schon in der landwirtschaftlichen Praxisviel verwendete Sonne njahrsrechnung ersetzt ward, so daß allemal nachdrei Jahren von je 365 Tagen ein Schaltjahr von 366 Tagen eintrat; daaber jedes julianische Jahr um elf Minuten und einige Sekunden zu langwurde, so wurde im Jahre 1582 durch Papst Gregor XIII. eine neue Kalender-verbesserung vorgenommen. Der julianische Kalender begann mit dem Jahre 45v. Chr., nachdem das vorhergehende Jahr (auuus aoutusioins) um 80 bezw.
SO Tage verlängert worden war.
8 233. Cäsars Tod (44). Allein so sehr auch Cäsar durch verständige NoM-Gesetze und Einrichtungen die Gemüter zu beruhigen suchte, so sehr er sich -n°t-nangelegen sein ließ, die Optimalen zur Teilnahme an der neuen Staats-ordnung herbeizuziehen, die Geächteten durch Wiederherstellung ihrer Rechteund Güter zu versöhnen, die untern Volksklassen durch Fürsorge für ihrenUnterhalt und ihr zeitliches Wohl zu gewinnen, seine Stellung bliebdoch unsicher. Zwar wurde Cicero, nach Catos Tode das Haupt derOptimalen, auf das rücksichtsvollste behandelt und selbst die ärgstenWidersacher ohne Strafe heimgerusen, jedoch die Optimateupartei standCäsar immer mit dem alten Hasse gegenüber und wartete nur, bissich der seltene Mann eine Blöße geben würde, um über ihn herzufallen.
Aber auch bei seiner eigenen Partei hatte er Mißfallen erregt, da erzum Herrscher geworden, nunmehr die allgemeine Wohlfahrt an Stelledes Parteiinteresses setzen mußte. Der Anlaß zur Gewaltthat kam, alsdas Gespenst des „Königtums" auch dem Namen nach vor den Römernauftauchte. Cäsars sichtbares Streben, nicht nur nach der Gewalt,sondern auch nach dem Titel und der äußern Ehre eines Allein-herrschers, trieb einige schwärmerische Menschen, die da hofften, durchHerstellung der alten Verfassung auch den altrepublikanischen Geist wiederbeleben zu können, zur Verschwörung. Der zunehmende Stolz des Impe-rators, der sich in seiner Mißachtung gegen den Senat und die republi-kanischen Formen kund gab, sowie sein sichtbares Wohlgefallen an demvon M. Antonius bei einem Feste dargebotenen Königsdiadem, das ermit nur erkünsteltem Unwillen zurückstieß, beschleunigten die Ausführung.
An der Spitze der Verschworenen stand der hochsiunige, für die Idee derFreiheit begeisterte M. Junius Brutus, der mit Cäsar persönlichbefreundet war, und neben ihm der von altem Republikauersinn erfüllte