H 243. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 521
phalica unweit Minden nach Süden auszog, um die aufständischen Germanen zu unter-werfen. Nach dreitägigem Marsche erreichte er die Dörenschlucht unweit Detmold und indem sumpfreichen und sandigen Gelände ereilte ihn dort sein Schicksal; nur die Reitereivermochte sich nach Aliso (Elfen bei Paderborn) durchzuschlagen. Diese Ansicht ist neuerdingswieder aufgenommen worden (Delbrück). Die zweite Ansicht (Mommsen) nimmt an, daßder Teutoburger Wald heute fälschlich seinen Namen führt und die antike Bezeichnungnicht, wie seht geschieht, dem Osning, sondern einem nördlich von der Porta Westphalicanach Westen zu streichenden Gebirgszuge (den heutigen Weserketten beizulegen sei; nach dieserMeinung ging der Marsch des Barus vom Sommerlager in westlicher Richtung, und dieKatastrophe erfolgte in dem schwierigen Bruch- und Sumpflande bei Barenaue, einem Gutesüdlich von Osnabrück. Eine dritte Ansicht endlich (Knoke) läßt den Varus in dem Thalder Elfe entlang den nördlichen Ausläufern des Teutoburger Waldes nach dem Passe vonZburg am Dörenberg abmarschieren und beim Erstürmen des letzteren sein Ende finden.
Eine besondere Schwierigkeit liegt noch in der Ansehung der römischen Festung Aliso, Alis-,die wohl der Hauptplatz für die Verpflegung der römischen Heere in Germanien war undan einem Punkte des Lippelaufs lag, bis zu dem dieser ehemals wasserreiche Fluß schiffbarwar. Die neuere Forschung neigt jetzt fast allgemein dahin, Aliso in den antiken Be-festigungen auf dem Annaberge bei Haltern (Schuchhardtsche Ansicht) wieder zu erkennen.
Die ältesten Nachrichten über unsere Vorfahren sind in sich Widerspruchs-voll und dürftig. Die ersten zuverlässige Angaben über sie liefert uns Cäsar aberim sechsten Buch seines gallischen Kriegs; aber das geographische Material,das er vorbringt, beweist, daß er das allermeiste nur vom Hörensagen wußteund sich im übrigen auf griechische Quellen verließ. Aus eigner Anschauungüber das Land hören wir erst weit später; denn etwa hundert Jahre nachAugustus verfaßte der große Geschichtschreiber P. Cornelius Tacitus (8 257)die berühmte Schrift „Germania", eine Schilderung des deutschen Landes undseiner Bewohner nach ihren Sitten, Einrichtungen und Lebensformen. Deutsch-land war von einer großen Zahl unabhängiger, oft verbündeter, oft mit ein-ander kriegender Völkerschaften bewohnt. Außer den schon erwähnten zwischenRhein und Elbe wohnenden Stämmen finden wir am Westufer der Elbe dieLangobarden, erst in der Maingegend und später in Böhmen die Mar-komannen (d. i. Grenzer), am Unterlauf der Donau die Quaden, imOder- oder Weichselgebiet die Band ilier, in Schlesien die Ostsueven, zudenen die Semnönen und Burgunder gehörten, in Thüringen die Her-munduren, am frischen Haff zwischen Weichsel und Pregel die Goten,an der Niederelbe die Sachsen (Saxonen), an die sich nördlich die Angelnanschlössen, an den Küsten der Ostsee die Rügier, an der Nordseeküste dieFriesen und Chauken; in Schleswig-Holstein die Kimbern, Teutonenund Ambrönen; in dem morastigen, waldbedeckten Landstrich an den Armendes Niederrheins und der Maas die Bataver und Canninefaten; aufdem linken Rheinufer die von den Römern unterworfenen Rauriker (mitÄugst, der Mutterstadt von Basel), Nemeter (mit Speyer und Straßburg),Vangionen (in Worms) und Trevlrer (Trier). Wie weit ihr Gebiet zu Tacitus'
Zeiten nach Osten reichte, ist nicht mit Sicherheit zu erkennen. Eine ausführlicheDarstellung der Urzeit und ältesten Geschichte unseres Volkes in Bd. II, § 12—18.
8 243. Ordnung des Ostens und Ende des Augustus. Leichterwar die Aufgabe, die dem neuen Machthaber im Osten zufiel; denn dieausgelebten orientalischen Nationen auf dem uralten Kulturgebiet zwischendem ägäischen Meer und dem Euphratlande waren nur zu gern bereit,sich zu fügen. Schwierigkeiten erhoben sich erst an der Ostgrenze. Dortwar seit Karrhä (8,228) das Partherreich unbehelligt geblieben; jetztschien es an der Zeit, die verlorenen Adler zurückzuholen. Durch diplo-Parthsrruchmatische Erfolge und kluge Benutzung der Haremsintriguen errangAugustus zunächst die Sicherung der Euphratgrenze, hielt die Parther durch so». Chr.Verbindung mit dem neubaktrischen Reiche im Schach, nahm Judäa in