H 248. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr- bis 395 n. Chr-). 523
Vater so, daß er sie plötzlich und ohne weitere Förmlichkeit auf die InselPandataria verbannte. Mit dieser Verbannung, die erst mit dem Todeder Julia endete, begann eine Reihe schwerer Schicksalsschläge für denalternden Herrscher. Seine beiden Enkel starben in ihrer Jugendblüte auf 2 u. 4 n.Chr.Feldzügen in Kleinasien und Spanien, und nun stand niemand mehrzwischen dem Thron und Tiberius. Denn auch die beiden jüngsten Kinderder Julia waren unterdes auf bequeme Weise durch Verbannung beseitigtworden. So trat Tiberius, der aus Rhodus zurückgekehrt war, seinemAdoptivvater als Gehilfe in der Regierung zur Seite. So waren denn LiviasWünsche für ihren Sohn erfüllt, als den Augustus im Jahre 14 n. Chr.in Nola der Tod ereilte. Man verheimlichte seinen Hingang so lange,bis Tiberius aus Jllhricum herbeigeeilt war, um die Regierung zu über-nehmen. Dann erhielt die Welt die große Botschaft; die Leiche desAugustus wurde auf dem Marsfeld unter ungeheurem Gepränge ver-brannt; die Reste in einem prachtvollen Gebäude (Mausoleum) nicht weitvon der Porta Flaminia zu ewigem Gedächtnis aufbewahrt.
Das Werk und die Zustande, die Augustus nach seinem Tode hinter- NAI-ließ, blieben trotz aller Bemühungen während seines langjährigen Prin- Regierungzipats unvollendet. Die Wahrung der republikanischen Formen verschwandjedoch in seinen letzten Jahren immer mehr, um der Militärmonarchieund dem straffen Beamtenstaat zu weichen. Erhaltung des Bestehendennach außen hin und Umformung im Innern waren die Grundsätze, nachdenen sich der kluge Imperator richtete. Nicht alles gelang ihm, nicht alleskonnte er vollenden, — aber unter ihm ist doch die Grundlage zu demrömischen Kaisertum gelegt worden, die dann Tiberius weiter ausbauteund die bis zum Ende des Ganzen auch ausgehalten hat.
Über wenige Persönlichkeiten gehen die Urteile so weit auseinander, als über Augustus;und bei wenigen Männern mag es so schwierig sein, ein wahres und zutreffendes Bild zu Augustusentwerfen, als von dem Begründer des römischen Prinzipats, schon darum, weil das schärfsteAuge nicht mit Bestimmtheit zu ergründen vermochte, welches die wahre oder die ange-nommene Gestalt sei, weil man bei seinem ganzen Thun das Wesen vom Schein, die echteGesinnung von der äußeren Kundgebung strenge scheiden mußte, weil kein Sterblicherdiesen fein berechnenden, in der Kunst der Selbstbeherrschung wunderbar erfahrenenFürsten zu durchschauen vermochte, weil sein Leben so ganz von der Politik durchschlnngenwar, daß der Mensch im Staatsmann auszugehen schien. Wenn Horaz in der fünftenOde des vierten Buches schildert, mit welcher Liebe und Anhänglichkeit das römische Volkdem Herrscher ergeben sei, der ihm Recht, Frieden und Wohlstand gebracht habe, so hat erdarin sicherlich der Gesinnung und Stimmung eines großen Teiles der römischen NationAusdruck gegeben. Millionen priesen die Alleinherrschaft des Augustus als die größte Wohl-that, die dem Reiche durch die Gnade der Götter verliehen worden sei, und beteten für seineErhaltung und sein Leben. Niemand verstand besser als er, sich die Liebe und Gunst desVolkes zu erwerben, ohne durch unwürdige Mittel und Künste darum zu buhlen. Aufder einen Seite gaben seine große Befähigung zum Herrschen, die Verbindung von Kraftund Milde, der feine, durchdringende Verstand, die geschickte Verwendung fähiger Männerzu seinen Diensten und Zwecken die feste Hand des Staatslenkers kund, weckten in denUnterthanen das Gefühl der Sicherheit und Ehrfurcht und machten sie zum Gehorchen willig;auf der anderen Seite erzeugten seine Leutseligkeit, sein herablassendes Wesen, seine ein-fache, Prunklose Lebensweise, seine Achtung vor den herkömmlichen Gesetzen und Sittenüberall Liebe und Ergebenheit. Er vermied jede äußere Auszeichnung, jede Schaustellungseiner Macht. Daß Augustus ein Mann des Scheines gewesen ist, darüber haben sich dieStimmen so ziemlich geeinigt; die Frage, die der Sterbende an die Umstehenden richtete,ob er seine Rolle im Drama des Lebens gut gespielt habe, scheint diese Ansicht zu be-kräftigen. Aber es würde ihm Unrecht geschehen, wollte man Selbstsucht und Eigenliebefür die einzigen Triebfedern seines Handelns halten; wollte man in allen jenen Zügen derMilde und Menschlichkeit, der Hingebung und Aufopferung für Bolk und Vaterland, der