244. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (80 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 525
Der nächste Vertrauensmann des Kaisers war C. Cilnius M ä c e n a saus altetruskischem Geschlecht, der für sich jedes Amt verschmähend, der M-ic-nasbeste Vermittler zwischen der Monarchie und dem Reiche des Geistes wurde:ein unbestechlicher Richter und Kenner im Reich des Schönen, der überVergil, Horaz und später über Properz seine schirmende Hand hielt. Einenjüngern Kreis versammelte M. Valerius Messala Corvinus, ein Ver-wandter des Kaiserhauses, um sich, ebenfalls ein freigebiger Beschützer der Kunst; ms g ». Chr.unter den Dichtern standen ihm besonders Tibull und Ovid sehr nahe. Die be-deutendste Persönlichkeit, die damals auf die litterarischen Richtungen Einflußgewann, war aber C. Asinius Pollio, der nach Aktium seinen Frieden mit PEoder Monarchie gemacht hatte. Er gründete die erste öffentliche Bibliothek im Chr.Tempel der Liberias auf dem Aventiu, womit er einen Lieblingsgedanken desCäsar zur Ausführung brachte; zugleich war er auch einer der ersten undbedeutendsten Sammler von Kunstwerken. Seine eigene Schriftstellerei warziemlich bedeutend: mehr leistete er dadurch, daß er den litterarischen Nachlaßvon Cäsar und A. Hirtius herausgab; aber am wichtigsten war, daß erfür viele aufstrebende Talente große Anregungen durch die von ihm ein-gerichteten Recitationen gab, und daß er dem bedeutendsten Dichter deraugusteischen Zeit, Vergil, zur starken Stütze wurde. So blühte denn ein reicherKranz römischer Dichter heran, die sich alle mehr oder minder durch ihrInteresse an das Kaiserhaus gebunden sahen.
In der Formgebung ist die neue „kaiserliche" Poesie ebensowenig, wie Dracheihre Vorgänger (Z 240) im Jahrhundert vorher, von dem übermächtigen Einfluß Formender Hellenen, besonders der Alexandriner, losgekommen. Vergil bildet inseiner Aeneis die homerischen Gedichte nach und setzt sich in seinen Bukolikaden Theokrit (§ 152) zum Vorbild; Horaz hatte sich für seine Oden dieBesten der griechischen Lyriker, für die Epoden des Jambendichters Archi-lochos vergiftete Pfeile (§ 86) als Muster gewählt, ja sogar in seinerPoetik die Vorzüge der griechischen Kunst vor der heimischen dargethan.
Ovid behandelt formgewandt und anmutig in seinen Verwandlungen diegriechische Mythologie, Phädrus vermittelt uns die griechische Fabel. Aberüberall dringt doch bei ihnen das Bewußtsein des eigenen Wertes und einkräftiges Nationalitätsgefühl hindurch: Vergils Georgika zeigen uns der Römeraltangestammte Liebe zum Ackerbau, Horazens Satiren und poetische Briefesind vielleicht der feinste Extrakt römischen Geistes und das klarste Spiegel-bild der augusteischen Zeit, und Ovids Fasten zeigen uns die Poesie, die auchder italischen Religion innewohnte. Unter den Händen dieser Dichter erwuchseine Litteratur in lateinischer Sprache, die den größten Einfluß geübt hat.
„Die augusteischen Dichter waren die Schöpfer einer neuen Dichterfprache.
Sie bildeten die poetische Ausdrucksfähigkeit des Lateinischen nach allen Seitenhin in einer früher kaum geahnten Weise aus, verliehen ihm Reichtum,Mannigfaltigkeit und Fülle. Ein wahrer und echt römischer Patriotismus be-seelte diese Dichter: sie wollten ihre Nation in den Besitz des Einzigen setzen,um das sie Griechenland noch zu beneiden hatten, der poetischen Kunstform."
P. Vergilius Mars wurde in dem Dörfchen Andes bei Mantua in bescheidener Berg«Familie geboren; die Eltern ließen den begabten Sohn erst in Cremona, dann in Rom Chr.studieren; doch zog er den Landbau vor, bis die Ackerverteilung des Jahres 41 (H 236) ihnum sein Gut brachte. Nach Rom verschlagen, gelangte der einfache und bescheidene Mannbald in den Kreis des Mücenas, und dieser ermunterte ihn, die schöne Dichtungsgabe, dieer bis dahin nur in kleineren Jugendgedichten gezeigt hatte, auch an größeren Aufgabenzu erproben. Vergil ahmte in seinen Idyllen oder Hirtengedichten („Bucolica",u Bucolic»auch Eklogen genannt) den Theokrit (Z 152) nach; da er sich aber nicht wie dieser derVolkssprache bedienen konnte, sondern die gebildete seine Sprache der vornehmen Welt zuseinen Schilderungen eines einfachen, kunstlosen Hirtenlebens anwendete, so entstand zwischenForm und Inhalt ein gewisser Gegensatz. Die Hirten des römischen Dichters sind nichtsicilische oder arkadische Schäfer, sondern Leute der großen Welt im Hirtengewande, denen