H 244. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 395 n. Chr-). 527
denn er glaubte die großen Äolier, Alcäus und Sappho (Z 86), würdig auf italischenBoden verpflanzen zu können. In den mannigfaltigsten Rhythmen behandelt er die ver-schiedensten lyrischen Stoffe; für jede Stimmung hat er anklingende Töne. Wunderbar warder Erfolg dieser Liedersammlung, von der die drei ersten Bücher im Jahre 23 erschienen.
Mit Recht konnte Horaz von sich sagen: Ich werde nie ganz sterben. Späterhin wandte er sichzu der Plaudereiendichtung zurück, verwendete aber eine neue Form, die des poetischen 4. EpistelnBriefes; das erste Buch benutzter, um seine feine Lebensweisheit vorzutragen, während daszweite Buch die sogenannten Litteraturbriefe enthält. Der wichtigste Brief ist der dritte, dieEpistel an die Pisonen. Sie handelt, wie die Überschrift besagt, „von der Dichtkunst", istaber kein Lehrfystem der Poesie oder auch nur eine Anweisung zur Verskunst (Poetik), sonderneine Dichtung von lockerer Komposition, in der Horaz seine Ansichten über einzelne beidichterischen Produktionen besonders zu beachtende Punkte ausspricht und hauptsächlich beimDrama verweilt. — In seinen reiferen Mannesjahren wandte er sich noch einmal zur 5- Varias-Lyrik zurück, diesmal in höherem Auftrag. Im Jahre 17 veranlaßte ihn Augustus, den und° letzte„säcularischen Festgesang" zu verfassen, der bei dem Apollotempel auf dem Palatin von je Lieder27 Knaben und Mädchen vorgetragen ward. Dies gab ihm Gelegenheit das, was ihm sonstnoch an lyrischen Gaben zugeflossen war, im Jahre 13 noch einmal zu vereinigen.
Seine Lyrik ist freilich reflektierend, es ergießt sich nicht, wie bei Tibull und Properz,unmittelbar der warme Strom des Gefühls; „wenn aber trotzdem alle Zeiten zu Horaz alszu ihrem Liebling aufgeblickt haben, so beruht dies außer der Klarheit seines Denkens undder schönen, durch das Metrum wunderbar gehobenen Diktion darauf, daß kein Dichter dasallgemein Menschliche so zum Ausdruck gebracht hat wie er." Das Beste, was er schuf undwas er selbst bescheiden nur Plaudereien (sermonso) nannte, sind seine Satiren und Episteln:in ihnen tritt die „goldene Ader" seines Geistes am mächtigsten hervor. So ist er durchalle Zeiten den Gebildeten das geblieben, was er schon den besten seiner Zeitgenossen war,ein treuer, kluger und stets erheiternder Freund.
Ein ganz anderes, aber ebenso glänzendes Talent war P. Ovidius Naso aus P-AvidiusSulmo in Umbrien. Von reicher Abkunft, schon früh wegen seiner hohen Begabung ge-M. M«rz 4 sfeiert, lebte er, abgesehen von den damals herkömmlichen Reisen, fast stets in Rom, an- i? ». Chr.regend und angeregt, der Mittelpunkt eines feinsinnigen geistigen Kreises, schaffend, wiedie Laune der Muse es wollte, bis ihn aus einem unaufgeklärten Grund die Verbannungnach Tomi in Mästen traf, in der er auch gestorben ist. — Seine dichterische Thätig- 1- Li-Ses-keit begann er schon im 20. Jahre. Zunächst wendete er sich der Liebespoefie zu, ^der er im elegischen Versmaß huldigte. Das erste Werk, das er herausgab, waren diedrei Bücher Amor es (Liebesgedichtc), die oft sehr lebhafte und packende Schilderungen ent-halten und in der Situationsmalerei bisweilen die Grenze des Erlaubten überschreiten.
Doch ist es nichts Selbsterlebtes, sondern meist den Griechen, vor allem den AlexandrinernNachgebildetes und Nachempfundenes. Daran schließen sich die Heroides, Briefe, dieOvid meist von Frauen der Mythenzeit an ihre Geliebten schreiben läßt. Das heitersteund vollendetste Buch aus dieser Epoche Ovids ist seine Liebeskunst, in der er dieBelehrung über den interessanten Stoff in ein heiteres, lebensvolles Spiel umsetzt, einwahres „Kleinod der Frivolität". — Dann wendete sich Ovid, nach eingehendem Studium,der Sagendichtung zu. Vollendet hat er nur die Metamorphosen oder Ver- ^Wandlungen, in denen er in kunstvoll geschlungener Disposition eine Menge mythologischerErzählungen, die alle mit einer Verwandlung endigen, ineinander flicht, um schließlich das15. Buch mit der Apotheose Cäsars zu krönen. Die geschickte Verbindung verschieden-artiger Stoffe, die anmutige lebendige Darstellung und die lebhafte Phantasie erwarbendem Buche von jeher viele Leser und Bewunderer. Ein zweites Werk, die Fasten, bliebenunvollendet. Sie waren dem Germanikus gewidmet und enthalten eine poetische Darstellungder römischen Feste und der ihnen zu Grunde liegenden Mythen; die Tendenz aber geht s. Lieder auswiederum auf eine Verherrlichung des Kaiserhauses. — Den Zeiten seiner Verbannung bannungentstammen die Klagelieder (Tristien) und die Briefe aus Pontus. Obwohl sich inihnen einige wundervolle Perlen der Poesie finden, machen sie wegen des unmännlichenAusdrucks der Klage doch einen unbefriedigenden Eindruck. Als Augustus gestorben war,hoffte Ovid umsonst, daß Germanicus seine Rückkunft betreiben werde. So ist denndies unerschöpflich reiche Talent vor der Zeit gebrochen worden. Nicht im Charakter desMannes und dem Inhalt seiner Werke liegt Ovids Wert: „in der Form liegt der Zauberseiner Poesie; alles bekommt unter feinen Händen eine berückende Gestalt, und es ist keinZweifel, Ovid ist der genialste Erzähler der Römer."
Neben diesen drei Größten stehen noch die beiden Elegiker aus Messalas Kreise, TibullTibull und Properz. Sie bildeten die schon von dem Kreise um Catull (Z 240) «.Chr.