Band 
Erster Band.
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529
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Z 244. Fünftes Kapitell Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 529

wohlwollendes, freundliches Gemüt. Dagegen sind ihm die staatsmünnischen Gesichtspunkteeines Thukydides und Polybios, obwohl der letztere für ihn eine Hauptquelle für die Zeitder punischen Kriege war (ß 204), fremd; für das Staats- und Aerfassungsleben, für dieEntwicklung und Gestaltung socialer Verhältnisse, für die Ausbildung des öffentlichen Rechts,für die Stellung der verschiedenen Faktoren des Staats zu einander hat er wenig Interesse.

Ein zweiter Mangel ist seine unzureichende Quellen- und llrkundensorschnng; deshalb findensich bei ihm vielerlei llngenauigkeiten, Lücken und Widersprüche.

Die übrigen lateinischen Historiker aus Augustus' Zeit sind unbedeutend; dagegentreten unter den Griechen einige hervor, deren Werke sich noch jetzt großer Wertschätzung unn/*erfreuen, freilich mehr als gewaltige Materialsammlungen, denn als kritische Arbeiten Augustusoder als Kunstwerke. Dahin gehört der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus,^^,^"^Agyrion (Siculus), der zur Zeit des Cäsar und Augustus seine hi st orischeBibliothekeine ethnographisch angeordnete Universalgeschichte von den ältesten Zeiten bis auf dasJahr 60, in 40 Büchern verfaßt hat, wovon wir außer beträchtlichen Bruchstücken noch15 vollständig besitzen. Sie ist von untergeordnetem Werte, da er ohne Kritik alle, auchdie unwahrscheinlichsten mythischen und fabelhaften Angaben älterer Schriftsteller nach-erzählt, und in seiner Darstellung verworren und ungeordnet ist, und darf nur mit großerVorsicht gebraucht werden. Seine Hauptbedeutung besteht darin, daß er aus älteren, nunmehrverlorenen Schriften, wie aus Ktesias, Ephoros, Hieronymos von Kardia u. a. (Z 118, 130,

153) Auszüge mitteilt. Wichtiger ist die römische Archäologie oder Geschichte Roms vonder Gründung der Stadt bis zum ersten punischen Krieg, von dem in Rom wohnhaftengriechischen Geschichtschreiber Dionysios von Halikarnaß, einem Zeitgenossen des Livius.

Von seinen rhetorisch abgefaßten 20 Büchern besitzen wir noch neun vollständig und zwei un- Halikarnaßvollständig, die bis zur Vertreibung der Decemvirn (8 172) gehen. Sie sind als sorgfältigeForschung über die Urgeschichte der Römer, deren Ursprung er von den Griechen abzuleitenbemüht ist, von großer Wichtigkeit. Freilich war er in der Kritik nichts weniger als zu-verlässig und zeigt Mangel an eigenem historischen Verständnis.

Besonderen Aufschwung nahm unter Augustus die Wissenschaft. Der WissenschaftArchitekt Bitruvius aus Verona, der unter Augustus zahlreiche Bauwerke„m8o!!Chr.ausführte, hat ein bedeutendes und noch heute vorhandenes Werk über dieBaukunst verfaßt. Anknüpfend an die große Vermessung des Reiches schriebStrabo, im Anschluß an seinen Vorgänger Agatharchides seine Geographika, ms isein in jeder Beziehung grundlegendes Werk, in einfachem nüchtern-polybianischen ^Stil. — Die wichtigste Ausbildung aber fand die Rhetorik. Abgesehen vonden feinsinnigen Schriften des Dionysios von Halikarnaß , der als Ästhetikerweit mehr leistete als Historiker, ist hier vor allem das Buch des älterenSeneca (ß 257) zu nennen, in dem er nur eine Blumenlese aus der Beredsam-M. s-necakeit des ersten nachchristlichen Jahrhunderts darbietet. — Berühmt gewordenist aus jener Zeit die Streitfrage der Analogie und Anomalie. Sie tauchtezunächst in der Grammatik aus, in der man auf die Flexion gestützt, die ab-solute Regelrichtigkeit als Prinzip ausstellte und jede Sprachform als regel-mäßig gebildet zu erklären suchte. Als dies bei einer großen Zähl von Formenunmöglich war, schlug das Princip um und man suchte die Sprachen alsvöllig regellos hinzustellen, bis schließlich die Wissenschaft einen Mittelwegfand. Der gleiche Streit entbrannte auch auf dem Gebiet der Rhetorik: dieSchüler des Ap ollod oro s von Pergamon, der einst Lehrer des Augustusgewesen war, verlangte strenge Gesetzmäßigkeit der Rede, während Theodorosvon Gadara, der Lehrer des Tiberius, die Möglichkeit allgemein bindenderNormen für die Rhetorik in Abrede stellte. — Die Philosophie jener Tageging. Wie schon früher, mehr in die Breite als in die Tiefe; doch that sich eineneue Sekte, die der Sextier, auf, eine Lehre, die stark von der Stoa(Z 154) abhängig war. — Wichtiger war die Philologie, in der unterAugustus der Grammatiker M. Verrius Flaccus, der Lehrer der kaiserlichen V-rriusPrinzen, Wortführer war. Neben ihm trat C. Julius Hyginus als kaiserlicher Hygi-msBibliothekar hervor, der von einen gleichnamigen Mythographen (Z 257) zuunterscheiden ist. — Die höchste Wichtigkeit hat aber die Jurisprudenzzu beanspruchen.

Websr-Baldamus, Weltgeschichte. 21. Ausl. I.

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