Band 
Erster Band.
Seite
533
JPEG-Download
 

K 245. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 3S-5 n. Chr.). 533

Herrschaft auf dem rechten Rheinufer doch zu keiner Festigkeit undDauer. Stürme zerschlugen in der Nordsee die Flotte, die Unwegsam-keit der Gegenden und das Schwert der Germanen brachten die Land-heere an den Rand des Untergangs. Bald darauf rief Kaiser Tiberiusden thatenlustigen Neffen von dem Kriegsschauplatz ab: „es seien Thatengenug geschehen, der Opfer genug gebracht; man solle die Deutschen hinfortihrer eigenen Uneinigkeit überlassen." Mit schwerem Herzen folgte er denGeboten des Oheims, die, wie er und seine Gattin meinten, nur ausNeid aus seinen Kriegsruhm beruhte, aber auch durch ganz berechtigtepolitische Erwägungen hervorgerufen sein mochten. Er hielt einenglänzenden Triumph, bei dem Thusnelda und viele edle Gefangene in TriumphKetten durch die Straßen Roms schritten, während Segest, der Römer-Arman«»»freund, aus einem erhöhten Ehrenplatz der Siegesfeier zuschaute. Germanienswurde dann nach Syrien entsandt, wo er nicht lange nachher seinen Todfand, wie man glaubte, durch Gift. Seitdem hatten die Germanen amNiederrhein Ruhe vor der römischen Herrschgier und Eroberungssucht, unddie Grenze blieb der Thalweg des Rhein von Augusta Rauricorum (Äugstbei Basel) an bis etwa in die Gegend von Nimwegen. Von dort ansprang die Grenze an den Unterlauf der Ems über, so daß also die heutigenNiederlande mit zur Provinz gehörten.

Wie richtig des Tiberius politischer Scharfblick mit dem Zwiespalt B-rnichtungder Germanen rechnete, sollte sich bald zeigen: der westgermanische Cherusker- mannm-bund kehrte unter Armin seine Waffen gegen das ostgermanische Marko- ^mannenreich, an dessen Spitze Marbod (ß 242) stand; diesem gabman schuld, daß er durch seine Neutralität die Römer unterstützt habe.

Es kam zu einer erbitterten Schlacht, die unentschieden blieb. Da aberMarbod das Schlachtfeld räumte, erhoben sich auch die von ihm unter-worfenen Stämme. Er rief nun die Hilfe der Römer an, aber umsonst;ein Gotenfürst, Catualda, überfiel ihn in seiner Königsburg, und soflüchtete er sich endlich zu den Römern, die ihm achtzehn Jahre lang inRavenna das Gnadenbrot reichten.

Indes ward auch Armin nach beendigtem Kriege von scheelsüchtigen Stammes- Arminsgenossen im siebenunddreißigsten Lebensjahre ermordet, da man ihm schuld 21». Chr.gab, daß er nach der, bei den Westgermanen verhaßten, Königswürde (II, Z 13,

116) strebe. Seine Gattin Thusnelda starb in römischer Gefangenschaft; ebensoihr in der Fremde geborener Sohn Thumelicus, der, wie neuerdings an-genommen wird, zu Ravenna als Gladiator erzogen worden war. „Aber demhochstnnigen Manne, der sechsundzwanzigjährig seine sächsische Heimat von deritalischen Fremdherrschaft erlöst hatte, der dann in siebenjährigem Kampfe fürdie wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloßLeib und Leben, sondern auch Weib und Kind für seine Nation eingesetzt hatte,gab sein Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedächtnis im Heldenlied."

Die Regierung im Innern des Reiches führte Tiberius verständig und xungsjahr-'ohne Gewaltthat. Die ersten zehn Jahre seiner Regierung war er ein wohl-dEb-riurwollender Herrscher, der, trotz des sehr abweichenden Urteils des Taeitus,viel Gutes schuf und eine glückliche Zeit für Rom brachte. Er regelte dieGetreideversorgung der Hauptstadt, die bis dahin von Wind und Wellenabhängig war, hielt die Soldaten, denen er nach den ersten Erpressungenkeine weiteren Zugeständnisse machte, im Zaum und regierte, soweit esvon Rom aus möglich war, in den Provinzen menschlich und vernünftig.

Auch im Orient gelang es ihm durch Entsendung des Germanicus, Ruhe n. Chr.