Band 
Dritter Band.
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42 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. H 24.

Heiligen- Der Neliquiendienst hängt eng zusammen mit der immer mehr zunehmendenver, rung H eNi g e „ b " eh run ^ ßch hier ^ allen Religionen zu beobachtende volks-tümliche Bedürfnis, die Gottheit greifbarer, menschlicher zu machen. Aus diesem Bedürfnissind die zahlreichen Götter des griechischen Olymp entstanden, ebenso die den Einen Allahverdrängenden Gottheiten der Araber (II, Z 51); diesem Bedürfnis entsprach es, daß dieVerehrung des unfaßbaren Gott-Baters im christlichen Kultus zurücktrat hinter die desGottessohnes, der zugleich Menschensohn war, und daß dann dessen Verehrung ersetzt wurdedurch die der noch viel menschlicheren Heiligen. Dabei wirkte noch mit, daß man Christusvorwiegend als gestrengen Richter auffaßte, dem gegenüber man die Fürsprache der „liebenHeiligen" brauchte. Als beste Fürsprecherin erschien seine Mutter Maria, und so gewanndenn der Mariendienst, der im Mittelalter auch aus dem Minnedienst Nahrung gezogenhatte, immer mehr Verbreitung; ihm besonders diente auch die neue Kunst der Renaissancemit ihren zahlreichen Madonnenbildern. Der Gedanke der unbefleckten Empfängnis, d. h.der Gedanke, daß Maria ohne Erbsünde geboren sei, seit dem 12. Jahrhundert aufgestelltund viel umstritten, gewann im 15. Jahrhundert durch das Baseler Konzil und PapstSirius IV. immer mehr Boden, und damit wieder hängt die zunehmende Verehrung ihrerMutter Anna, der Großmutter des Heilands, zusammen. Im übrigen wurden die Heiligenvielfach als Nothelfer, nicht mehr bloß als Fürbitter, angesehen, wobei jeder feine besondereSpezialität hatte: der eine heilte Wunden, der andere schützte gegen Mißwachs, der drittegegen Feuersnot, der vierte gegen Wassersnot usw.; jeder Beruf hatte feinen besonderenPatron, selbst der heiligen Anna wurde eine solche Spezialität, der Reichtum schaffendeBergbau, zugewiesen, wovon noch heute der Name der 1496 gegründeten Stadt Annabergim Erzgebirge zeugt. Deshalb hat auch Luther sie von seiner Mansfelder Zeit her be-sonders verehrt.

Wundersucht Bei der Reliquien- und Heiligenverehrung fand auch die Wundersucht der Zeit ihreRechnung; die Heiligen mußten sich ja betütigen, und zwar nicht in der inneren Erbauungder Gläubigen, sondern in äußeren sichtbaren Zeichen. An den Wallfahrten nach besonderswunderkräftigen Stellen (zur schwarzen Mutter in Altötting, zum Haupt der heiligenAnna in Düren, zu den Heiligtümern in Aachen usw.) nahmen Tausende und Abertausendeteil; wenn aber irgendwo neue Wunder auftauchten, so nahm die Volkserregung denCharakter krankhafter Ekstase an. So strömten 1475 trotz Abmahnung der Geistlichen un-gezählte Wallfahrer, namentlich auch zahlreiche Knaben nud Mädchen in fieberhafter Er-regung zu dem heiligen Blut nach Wilsnack in der Mark Brandenburg. Hier sollten zuerst1383 drei Hostien geblutet haben; Hus und mehrere Landessynoden hatten sich dagegenausgesprochen, Papst Nicolaus V. aber 1453 das Wunder als wahr erklärt: jetzt ergriffdieser Glaube mit elementarer Gewalt die Massen. Auch dem Pfeifer von Niklashausen(im Taubergrund), dem die heilige Jungfrau erschien und der dann mit der BußpredigtAngriffe gegen die Herrschenden und gegen die verweltlichte Kirche verband und damit nebenden religiösen auch die sozialen Leidenschaften aufregte, strömten 1476 viele Tausende zu.Als der „heilige Jüngling" auf Befehl , des Würzburger Bischofs gefangen genommen war,zogen noch 16000 Wallfahrer gegen die Festung Marienberg bei Würzburg, doch wurdensie zersprengt und der Pfeifer als Ketzer verbrannt, die Kirche in Niklashausen aber nieder-gerissen (II, 8 332). In den Jahren 1501 bis 1503 erregte das Kreuzwunder zuerst dieNiederlande, dann ganz Deutschland: Kreuze, daneben auch die Marterwerkzeuge Christi,sollten vom Himmel auf die Kleider der Menschen herabgefallen sein als Zeichen des gött-lichen Zornes, zu dessen Abwendung nun massenhafte Wallfahrten unternommen wurden.

Teusem-und Ein Widerspiel des Heiligenkultus und eine Abart dieser Wundersucht war der- eng au °Denfels- und Hexeuglaube. Man begnügte sich hier nicht mit einem Teufel, sondernbildete auch Spezialteufel aus. Vielfach wurden diese komisch behandelt, da man ihnen beider Leichtigkeit der Sündenvergebung unschwer entgehen konnte, und so wird der „gefoppteTeufel" eine häufig wiederkehrende Figur der volkstümlichen Literatur. Im Hexenglaubenaber nahm der Teufels- und Wunderglauben eine entsetzliche Form an. Durch Buhlen mit

dem Teufel sollten die Hexen eine Unheil bringende Macht erhalten; die Inquisition richtete

auch darauf ihr Augenmerk, und die ersten Hexenprozesse finden sich im 13. Jahrhundert in

Frankreich. In Deutschland ist der Glaube erst verbreitet, seitdem Papst Jnnocenz VIII.

in einer Bulle vom Jahre 1484 den Inquisitoren auch die Hexenverfolgnng befahl; nunverfaßte 1488 der Inquisitor Jakob Sprenger den Hexenhammer (^lallsus raulstiourum)zur Unterweisung der Gerichte, und seitdem hat der wahnwitzige Hexenglaube fast dreiJahrhunderte fürchterliches Unheil gestiftet.

Überblickt man die Äußerungen volkstümlicher Frömmigkeit, so kann trotzvielfacher Mißachtung der Mönche und Priester von einer Lossage von der