Band 
Dritter Band.
Seite
197
JPEG-Download
 

8 117.

Zweites Kapitel: Südeuropa unter spanischer Vorherrschaft.

197

das nicht. — In die wirtschaftliche Entwicklung griff die Staatsgewaltkräftig ein. Durch die Tätigkeit der Mauren war die Landwirtschaft in weitenTeilen Spaniens sehr gehoben, auch besaß das Land einen großen Reichtum anWolle und Eisen, aber industriell war es noch stark abhängig vom Auslande.Da begann man seit Jsabella durch hohe Zölle im Geiste des Merkantilismus(8 266) eine eigne Industrie großzuziehen. Befruchtet wurde diese Entwicklungdurch die Goldeinfuhr aus Amerika und die Aufnahmefähigkeit der Kolonienfür die Waren der Heimat. Der Gewinn der Kolonien aber sollte durch dieAusschließung aller Fremden allein Spanien zugute kommen. Karl V. ist imInteresse seiner anderen Länder, vor allem seiner Niederlande, mit dieser Wirt-schaftspolitik nicht einverstanden gewesen, auch hat sie später (§ 160) schwereSchäden mit sich gebracht; aber für die Mitte des Jahrhunderts bewirkte diesePolitik zu dem noch fortdauernden Gedeihen der Landwirtschaft einen industriellenAufschwung. Das ist durch die neuere Forschung wieder anerkannt, nachdemdie liberale spanische Geschichtsschreibung längere Zeit in der Vernichtung derstädtischen Freiheiten den Anfang des spanischen Niedergangs hatte sehen wollen.— Auf kirchlichem Gebiete blieb die Inquisition in Kraft, und ihr erlagenauch die geringen Ansätze des Luthertums. Die Anknüpfung für das Evange-lium bot der mystische Zug der spanischen Frömmigkeit und der auch nachSpanien gedrungene Humanismus; indes für eine umfassendere evangelische Be-wegung fehlte jede Voraussetzung in der Masse des Volkes, und die Inquisitionverfolgte die spanischen Anhänger des Erasmus, vernichtete die nach Spanieneingeführten lutherischen Schriften und schritt energisch ein gegen die wenigenAnhänger des Evangeliums.

Welch furchtbare Taten der Fanatismus hervorrief, zeigt das Schicksal des JuanDiaz. Er studierte in Paris, weilte in Genf und Straßburg, bekannte sich hier zumLuthertum und ging mit Buher zum Regensburger Gespräch (Z 60). Auf die Kunde davonerlte sein eigener Bruder Alfonso nach Deutschland, um die Schmach von seiner Familie zutugen, wiegte den Bruder mit raffinierter Hinterlist in Sicherheit und - erschlug ihnhinterrücks (bei Neuburg au der Donau). Bestraft wurde der Brudermörder nicht, endeteaber schließlich durch Selbstmord.

Z 117. Philipps II. Ziele, Persönlichkeit und Hof. Als Phi-lipp II. den Thron Spaniens bestieg, beherrschte er außer Spanien nochdie Niederlande, Mailand, Neapel, Sizilien und die amerikanischen Kolo-nien; damals sagte ein Sprichwort: „Wenn Spanien sich rührt, so zittertdre Erde." Man könnte dieses Wort als Wahlfpruch Philipps II. be-zeichnen, namentlich wenn man „Spaniens König" statt „Spanien" ein-laßt. In all feinen Ländern den königlichenAbsolutismus durchzu-führen, überall den Katholizismus zu verbreiten und den Pro-testantismus auszurotten und damit zugleich Spanien zur Vormachtfür die Welt zu machen, das waren die Ziele Philipps II. Es warseinem Vater allerdings nicht gelungen, ihm die Kaiserkrone zu verschaffen,aber das brachte den Vorteil, daß er nicht nötig hatte, seine Kräfte ein-zusetzen gegen die so unbequeme deutsche Opposition, daß die Reibungs-ffächen mit dem Papsttum geringer wurden, daß seine Politik einen einheit-ucheren Charakter erhielt als die des Vaters. Das absolutistisch regierteKastilien war das Kernland seines Reiches, und dem hier herrschenden Geistesollte die Welt sich Lengen. So übernahm Philipp II. in schrofferer Ein-femgkeit und deshalb mit leidenschaftlicherem Fanatismus und größererdie Erbschaft des Vaters. Er kämpfte wie dieser gegen die Un-gläubigen und Franzosen und wurde, den Vater überbietend, als Ver-undeter der reorganisierten katholischen Kirche der eigentliche Vorkämpferer Gegenreformation. Wo nur immer es galt, den Katholizismus zu

Wirtschaft

Evangelische

Regungen

1546

Philipp II.1556-1593

Ziele