444 Drittes Buch: Ende der spanisch-katholischen Vorherrschaft (1618—1660). Z 261.
Kirchenbau Im Kirchenban verbindet der Barock gern Zentral- und Langhausanlage undkrönt die Vierung mit einer imponierenden Kuppel. Die Decken sind meist Tonnengewölbeund werden wie das Innere der Kuppel mit Malereien geschmückt, deren Perspektive denBau um neue säulengetragene Stockwerke bereichert und den Blick über Wolken, Heiligen-und Engelscharen in den Äther dringen läßt. Die Beleuchtung ist wohl berechnet: dasdurch die Kuppel flutende Licht bannt den Blick des im Dämmer des Langhauses Stehendenund zieht ihn magisch in die Nähe des Allcrheiligsten. Durch die Künstler, die dem Jesuiten-orden angehörten und in Italien, auf der iberischen Halbinsel und in den spanischen undportugiesischen Kolonien als Architekten und Maler tätig waren, erhielt der Barock denNamen Jesuitenstil (Vorbild: Vignolas Jesuitenkirche Jl Gesü in Rom).
Palastba» Die Höfe der Paläste und größeren Landvillen sind teils geschlossen, teils mit
Pfeilerarkaden versehen, aus denen innen geräumige Treppenanlagen auf breiten undniedrigen Stufen von leiser Neigung (Dolcezza, wie es Vasari zierlich nennt und späterGoethe besonders liebte) zu den oberen Stockwerken emporführen. Das erste Stockwerk(xiano nobils) enthält einen oder mehrere gewaltige Prunkräume, die in das nächste Ober-geschoß übergreifen; oberhalb der großen Fenster des Sales findet sich gewöhnlich noch eineReihe kleinerer Fenster, die die Lichtznfuhr vermehrt, nach außen aber ein Mezzanin markiert.Durch Anlegung öffentlicher Treppen, Terrassen, Kaskaden und monumentaler Brunnentrug der Barock besonders zur Verschönerung Roms und seiner Umgebung bei.
Name An der kunstgeschichtlichen Bezeichnung „Barockstil" (ursprünglich 8tilo moäsrno)
haftete ähnlich wie an dem Namen Gotik geraume Zeit die verächtliche Nebenbedeutungdes Plumpen, Widersinnigen und Bizarren (ital. baroeeo, zopfig). Gewöhnlich leitet manBarock von dem portugiesischen „bnrroco, schiefrund" (französisch barogus) her, wo es vonbirnenförmigen Perlen gebraucht wird, die von den Goldschmieden des 17. Jahrhundertsgefaßt und zu Karikaturen verwendet wurden; wieder andere bringen das Wort mit einemModus „baroeo" einer logischen Schlußfigur in Verbindung, in dessen Prämissen sichPositives mit Negativem verkettet. Erst die neuere Zeit hat den Begriff geläutert und denNamen eigens für jene durchgreifende Umwandlung der Renaissance vorbehalten, die mitdem ganzen ungeheueren Ernste, dem tsrribils eines Michelangelo einsetzt.
Italien Anklänge des Barocks finden sich bereits in den letzten Werken von Bramante (PalladiosZeichnung von Bramantes Wohnhaus, Palazzo di S. Biagio neben Palazzo Sacchetti inVia Giulia in Rom), von Giulio da Sangallo lFassadenentwürfe für S. Lorenzo in Florenz),von Peruzzi (Palazzo Massimi alle Colonne, Palazzo Costa im Borgoviertel Roms) undvon Rafsael (Palazzo dell' Aquila in Rom, nur in Zeichnungen erhalten, Palazzo Pandolfiniin Florenz). Michelangelo (S. M. degli Angeli, Porta Pia in Rom u. a.) und die Ver-treter der Spütrenaissance (8 89) Vignola (Schloß Caprarola bei Mterbo, Fassade vonS. M- in Domnica, Fontana della Rocca in Viterbo u. a., ihm zugeschrieben Villa Lantein Rom), Giacomo della Porta (Fassade von Jl Gesü, S. Caterina de'Fnnari, S. M.bei Monti, Palazzo Serlupi, Palazzo Chigi in Rom, Palazzo Aldobrandini in Frascati, Anteilan der Petersknppel, Fontana in Piazza di Campitelli in Rom) und BartolommeoAmmanati (Ponte S. Trinitä in Florenz, Palazzo Ruspoli in Rom) stehen bereits mitbeiden Füßen auf dem Boden des Barocks. — Eine andere Strömung, die von Palladio,dem Meister der Gesetzmäßigkeit (Z 99), ihren Ausgang nimmt, kommt in Oberitalien undFrankreich (Stil Louis' XIV.) zur Geltung und mündet schließlich im Klassizismus.
L. Maderna Mit Carlo Maderna beginnt bereits, die überwucherung durch das dekorative1556-iWS Element (S. Susanna, sein bestes Werk, Fassade von S. Peter, Palazzo Mattei, PalazzoBarberini, im Verein mit Bernini, Fassade von S. M. della Vittoria, Fontänen auf demDomsnichino Petersplatze). Von Domenichino, Domenico Zampieri, stammt der Bau von S. Jgnazio.is8i—is4i Der berühmteste Vertreter des pompösen Barockstils, der „im Fortissimo komponiert", ist derL. Bernini Architekt, Bildhauer und Maler Giovanni Lorenzo Bernini; er wurde 1629 voniSW— 1680 Urban VIII. zum Bauleiter von S. Peter ernannt und 1665 von Ludwig XIV. nach Parisberufen, wo er ein halbes Jahr verblieb und einen neuen Entwurf für den Louvre aus-arbeitete, und stand dann bis an sein Ende an der Spitze des römischen Knnstlcbens. Erschuf die Doppelkolonnaden von S. Peter, deren vierreihige dorische Säulenhallen den Platzelliptisch umschließen, die Scala Regia im Vatikan, das gewaltige bronzene Tabernakel derPeterskirche mit gewundenen Säulen, den Entwurf zu S. Andrea del Ouirinale, mit ellip-tischem Grundriß, die Fassaden des Palazzo Barberini (im Verein mit Maderna) und die„Barcaccia" an der spanischen Treppe. Maßlos und ausschweifend zeigt sich der stilo Zraucko-r Borro in den Werken von Francesco Borromini, Schüler Madernas und Nebenbuhler>»ini ' Bevninis: S. Jvo an der Nordfassade der Sapienza (Universität), in der Form einer Biene,1598-1667 Wappentiers der Barberini, mit schneckenförmiger Haube, die Türme von S. Agnese