492
Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (1660—1740).
8 278.
der vornehmsten Gesellschaftskreise schlössen sich dieser pietistisch-asketischen Richtungan. Die über die Fortschritte des Jansenismus beunruhigten Jesuiten erwirkteni «53 vom Papst die Verdammung von fünf in Jansens „Augustinus" enthaltenenSätzen über Gnade und Prädestination. Aber die Anhänger desselben leugneten,daß diese Sätze in der angeführten Weise sich im „Augustinus" befänden, undrichteten, als der Papst auf seiner Verdammung bestand, ihre geistreiche Polemiknicht nur gegen die Jesuiten sondern auch gegen die päpstliche Autorität, dersie die höhere Macht Gottes, wie er sich in der Heiligen Schrift offenbart, ent-gegensetzten. Das wirkungsvollste Buch, das während dieses Streites entstand,waren Pascals Uottrss provineialss (ß 358). Lange widerstanden die Jansenistenund die Nonnen von Port Royal allen Versuchen, sie mit Strenge und Verfolgung(1664 wurden die Nonnen gewaltsam aus dem Kloster entfernt) zum unbedingtenGehorsam zu zwingen; endlich wurde unter Ludwigs XIV. Vermittelung einemildere Form der Unterwerfung gefunden, indem sich der Papst mit derprinzipiellen Verdammung der fünf Sätze begnügte, ohne darauf zu bestehen,28.Sept.i6S8 daß sie von Jansen gelehrt worden seien. So wurde ein „Kirchenfriede"abgeschlossen, den der König mit vieler Selbstzufriedenheit als sein Werk ansah.Das Kloster wurde wiederhergestellt, Arnauld mußte zwar 1679 nach den Nieder-landen fliehen, aber in dem Streite Ludwigs mit dem Papsttum (Z 276) warder jansenistische Geist in gewissem Sinne sogar der Verbündete des Königs.
Mit neuer Heftigkeit entbrannte der jansenistische Streit, als Quesnel,1693 ein Freund Arnaulds, moralische Betrachtungen über das Neue Testamentherausgab, die ein volksbeliebtes Erbauungsbuch wurden, dem selbst der Erz-bischof Noailles von Paris seinen Beifall zollte. Nun ruhten die Jesuiteniios nicht eher, bis der Papst die Konstitutionen der früheren Kirchenfürsten überiio9 den Jansenismus erneuerte, Port Royal aufgehoben und schließlich durch die1118 Bulle „IIniKsnitiis" 101 Lehrsätze der moralischen Betrachtungen als ketzerischverworfen wurden. Ludwig XIV. unterstützte hierbei die Jesuiten, weil er diekirchliche Uniformität als eine notwendige Ergänzung seines politischen Systemsansah. Der ganze höhere Klerus Frankreichs nahm an dem entbrennendenKampfe, der die Regierungszeit Ludwigs XIV. überdauerte, Anteil, und dieAnnahme der Bulle IIniAsnitus mußte durch Entsetzung, Kerker und Ver-bannung erzwungen werden. Trotzdem aber erhielten sich die Ansichten desPort Royal teils als Gefühlsschwärmerei (oonvulsionuiros), teils als freisinnigesElement in der katholischen Theologie und bei einem Teile des französischen Klerus;bemerkt mag noch werden, daß die Jansenisten trotz der geistigen Verwandtschaftmit dem Protestantismus durchaus protestantenfeindlich waren.
Quletistsn Wie die Jansenisten erschienen auch die Quietisten, die den äußeren Kultus miß-achteten und in reiner Gottesliebe und stiller Kontemplation die „Ruhe" der Seele erstrebten,der offiziellen Kirche gefährlich. Ihr Begründer, der in Rom wirkende spanische Priester1-1696 Molinos, wurde durch die Jesuiten zur Abschwörung seiner Lehren gezwungen; dasselbe11111 mußte Madame Guyon, die diese Anschauungen in Frankreich verbreitete, auf Bossuets Be-treiben tun. Selbstverständlich aber bestand diese mystische Frömmigkeit, die wir schonim Mittelalter kennen gelernt haben (II, Z 305), auch jetzt fort.
8 278. v) Hugenottenverfolgung. Erschienen schon die Jansenistenals ein Hemmnis für die von Ludwig erstrebte monarchistisch-kirchlicheUniformität, so standen die Hugenotten zu ihr natürlich in noch vielstärkerem Gegensatz.
Aekshrungs- Ludwig XIV. war ihnen deshalb von Anfang an nicht geneigt; auch° empfand er es wie eine persönliche Kränkung, daß sie die Religion, zu der ersich bekannte, als irrtümlich bezeichneten. Schon früh begannen Versuche, dieHugenotten zu bekehren, sie zu einer Neunion mit der Kirche zu bewegen; dabeihinderte aber Colbert, der die Hugenotten als betriebsame, gewerbtätige Bürgerschätzte, lange gewaltsame Maßregeln. Die Reformierten hatten nämlich einenbedeutenden Anteil an der Verwaltung der Finanzen, den Staatspachtungen,