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Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (166V—1740).
8 279.
Camlsarden
1702-1704
1704
Ergebnis
Ziel Lud-wigs gegenDeutschland
Rechtslagebei denReunionen
tatsächlich war die Hugenottenverfolgung der schwerste Schlag, der gegen ColbertsWerk geführt werden konnte. Der Wohlstand und die beneidete Blüte dersüdlichen Landschaften Frankreichs war dahin, die Seidenwebereien und dieKunst des Strumpfwirkens wurden durch flüchtige Hugenotten dem Auslandemitgeteilt; 60 Millionen Kapital wanderten in andere Länder; calvinischeSchriftsteller richteten ihre Feder gegen Frankreich, und calvinische Krieger tratenin die Reihen der Feinde, der Marschall Schomberg (H 245) z. B. in denDienst Brandenburgs (H 281).
Als sich dann die Verfolgung auch in die stillen Täler der Cevennen erstreckte, woAbkömmlinge der Waldenser, die sich den Calvinisten angeschlossen hatten, in Glaubenseinfaltund nach alter Sitte dahinlebten, da fanden die Drünger hartnäckigen Widerstand. Die Ver-folgung erhöhte den Mut der Gedrückten, die Mißhandlungen steigerten ihren Glaubenseiferzur Schwärmerei. Aus dem Haufen der Ungelehrten gingen Verkündiger des göttlichenWortes hervor, deren Reden die Gemüter um so gewaltiger anzogen, als man in ihnen dieWirkungen unmittelbarer Inspiration erblickte. Angeführt von Cavalier, einem ehe-maligen Schäferjungen, und anderen „Propheten", warfen die in leinene Kittel gekleidetenCamisarden „die nackte Brust den französischen Marschällen entgegen". Ein greuelvollerBürgerkrieg, in dem über 100000 Menschen bluteten, erfüllte die sonst so friedlichen Tälerder Cevennen. Erst als die französischen Machthaber den „Propheten und Helden", so vieleihrer vom Schlachtfeld und Schafott übrig waren, freien Abzug zugestanden, nahm derschreckliche Camisardenkrieg allmählich sein Ende. Cavalier trat als Oberst in englischeDienste. — Auch die frommen Waldenser in den Tälern von Piemont wurden auf Anstiftenfranzösischer Rcligionseiferer um dieselbe Zeit verfolgt; und an den Seen Nordamerikasund im Stromgebiet des oberen Mississippi, wo damals der Glaube an den wahren Gottund zugleich der Ruhm des „großen Kapitäns der Franzosen" von eifrigen Glaubensbotenverbreitet wurde (Z 274), hielt man jede reformierte Auffassung des Christentums mit blutigerStrenge nieder.
Gewiß wird man sagen müssen, daß Ludwigs Verfahren den An-schauungen der Mehrheit der Franzosen nicht widersprach: aber es wider-sprach den Grundsätzen, unter deren Beobachtung Frank-reich groß geworden war. Seit Heinrich IV. hatte das Königtumaus der Versöhnung der religiösen Gegensätze einen guten Teil seiner Kraftgewonnen und war gegen das katholische Spanien im Bunde mit denprotestantischen Mächten aufgestiegen. Jetzt stand es zwar an der SpitzeEuropas, aber es beraubte sich selbst eines Teiles seiner besten Bürgerund trat zugleich in katholischer Engherzigkeit ganz an die Stelle Spaniens.Nimmt man nun die rücksichtslose Gewaltpolitik hinzu, die Ludwig nachaußen hin übte, so mußte Europa gegen Frankreich schließlich einen ebensoerbitterten Kampf führen wie einst gegen Spanien.
2. Ludwigs Gewaltpolitik nach außen.
§ 279. Die Reunionen. Durch den Nymweger Frieden war Frank-reichs Nord- und Ostgrenze viel günstiger geworden, zumal Vauban siemit einer Kette von Festungen umgab; aber sie sollte noch besser abgerundetund weiter hinausgeschoben worden. Da Ludwig die letzten Friedens-beschlüsse dem verbündeten Europa aufgezwungen hatte, glaubte er hierbeivöllig rücksichtslos vorgehen zu können, wollte aber neue Erwerbungenohne einen neuen Krieg erreichen. Das sollte geschehen durch die so-genannten Reunionen.
Hatte er schon während des Krieges die zehn elsässischen Vogteistädte(Z 272) unterworfen, so wurde jetzt Ernst gemacht mit der schon früheraufgestellten Behauptung, daß alle Länderteile, die jemals zuden im Westfälischen und Nymweger Frieden an Frankreich gefallenen