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Dritter Band.
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556 Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (1660—1740). H 316.

Regentin sein wollte, Peter aber für sich die volle Zarenmacht erstrebte.Daraus ergab sich ein unvermeidlicher Konflikt.

Ob Sophie einen Anschlag gegen den ihrem Ehrgeiz im Wege stehenden Stiefbrudergeplant hat, steht dahin; jedenfalls entwich Peter aus Preobraschensk bei Moskau, seinem8. Au». ISW gewöhnlichen Wohnort, nach dem nahen Troitzko- (Dreifaltigkeits-)Kloster, das leicht ver-teidigt werden konnte. Von hier erließ er als Zar in ähnlicher Weise Befehle, wie gleich-zeitig Sophie von Moskau aus. Allmählich mehrte sich nun die Zahl seiner Anhänger;sein Hauptratgeber war damals Boris Galizyn, ein Vetter Wasilijs; zu ihm kamen u. a.der Patriarch Joachim, obgleich er ein Anhänger des Altrussentums war, und GeneralGordon, mit ihm die Ausländer der deutschen Vorstadt (I 315). Nun verlangte underreichte Peter die Auslieferung der bedeutendsten Anhänger der Sophie; eine größere Anzahlwurde hingerichtet, Wafilij Galizyn kam auf Fürsprache seines Vetters mit der VerbannungEnde Sept. davon. Sophie, von allen verlassen, mußte sich wohl oder Übel der Forderung desBruders fügen nnd sich in ein Kloster zurückziehen.

d?r Große Damit war Peter Alleinherscher, doch wurde Iwan bis zui68g-i?W seinem Tode (1696) als Zar behandelt. Peters große Ziele wurden die Ein-führung der abendländischen Kultur nach Rußland und dieErweiterung der russischen Grenzen bis zur Ostsee und zumSchwarzen Meere. Beide hingen auf das engste zusammen; das letztereergab sich aus der ungünstigen geographischen Lage des russischen Staates,der damals nur am Weißen Meere (in Archangel), also an einer für denVerkehr wenig geeigneten Stelle, das Meer berührte, sonst aber vom Meereausgeschlossen war. Diese Ziele traten aber natürlich erst allmählich her-vor; in den ersten Jahren seiner Alleinherrschaft übte Peter noch keinendurchgreifenden Einfluß aus, sondern überließ die Regierungsgeschäfte demBoris Galizyn und seinem Oheim Lew Narischkin, die sie auch währendder Europareise des Zaren führten. Die Bedeutung dieser Jahre liegt inder Schulung, die Peter selbst durchmachte.

Entwicklung Geboren am 30. Mai (9. Juni) 1672, hatte Peter unter der Regierung Feodors undunter der Regentschaft Sophiens mit seiner Mutter zumeist in Preobraschensk gelebt. SeineNeigung war aus das Technische und auf das Militürwesen gerichtet. Zur Zeit der Sophiebegann er (jedoch ohne Mitwirkung Leforts, den er erst später kennen lernte) mit Alters-genossen Soldatenspiele in Preobraschensk und Semenowsk (danach tragen noch heute dievornehmsten russischen Garderegimenter ihren Namen) und forderte dazu seit 1688 auchTruppen aus Moskau. Unter altem Gerümpel fand er ein englisches Boot; ein Holländer,Karsten Brand, richtete es ihm wieder her und benutzte es in Gemeinschaft mit ihm zukleinen Fahrten aus einem Teiche (dieses Boot wird noch heute in Petersburg als „Groß-vater der russischen Flotte" aufbewahrt). Nach dem Staatsstreich trat Peter in nähere Be-Gordon ziehung zu Patrick Gordon und Franz Lefort. Gordon war ein vielseitig gebildeter Schotte?eft isgg "ns vornehmer Familie, der 1660 in russische Dienste getreten und bis zum General aufge-" ' stiegen war; er wurde der Berater des Zaren in allen ernsten, namentlich auch militärischenDingen und leitete u. a. die Manöver, in denen die Spielregimentcr gegen die Strelitzen8 «b^iss 3 kämpften. Lefort stammte aus Genf, war 1675 nach Rußland gekommen und wurde eingest. 1M9 intimer Freund des Zaren, mit dem er auch die Freuden der Geselligkeit genoß. Durch beidekam nun der Zar in enge Berührung zu den Ausländern der deutschen Vorstadt vonMoskau (Sloboda, Z 173). Es ist diese zu vergleichen mit den Fremdenniederlassnngenin den chinesischen Städten (im Sinne der orthodoxen Russen war sie eine Art Ghettoses wohnten hier hauptsächlich Deutsche, Holländer und Engländer, also Vertreter nicht de-katholisch-romanischen oder katholisch-polnischen, sondern des fortschrittlichen protestantisch"germanischen Geistes. Hier herrschte ein reges geistiges Leben, wurde die Wissenschafund Kunst gepflegt, das Handwerk geübt; hier erfreute man sich einer freieren Geselligkeck'an der auch Damen teilnahmen. Es war für das orthodoxe Altrussentum ein geradezuungeheuerlicher Schritt, daß der Zar hier fast täglich erschien, mit den „Ketzern" ganz un-gezwungen verkehrte und bei ihnen zu Tische saß: es war nicht ganz, aber doch beina-stso, als wenn heute ein Kaiser von China täglich in den fremden Niederlassungen verkehrenwürde. In der deutschen Vorstadt lernte der Zar die westeuropäische Zivilisation kennen;durch den niederländischen Gesandten Baron Keller gewann er dabei ein besonders lebhaftes