8 334. Siebentes Kapitel: Euräoa unter d. Herrsch. d. Gleichgewichtspolitik(17I5—1740). 583
Philipp von Orleans und sein früherer Lehrer, der von ihm zum Minister und PHUippvom römischen Stuhl zum Kardinal erhobene Abbe Dubais, waren geistreiche und talent- 171^1723volle, aber höchst sittenlose Männer. Philipp hatte das lebhafteste Interesse für Kunst undWissenschaft, unterstützte deren Jünger und beschäftigte sich gern mit philosophischen Speku-lationen ; er hätte sich als Maler, Musiker und Gelehrter hervortun können, und er tat sichhervor als Heerführer. Er war wohl der begabteste Prinz des französischen Königshauses,aber nach dem Ausspruch seiner Mutter, der Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte (8 275), hatteeine vernachlässigte Fee allen seinen großen Gaben gleich große Laster hinzugefügt. Schon inder Jugend war er verführt worden und in schlimme Gesellschaft geraten. Der Regent undseine als Geräderte (roues) gebrandmarkten Genossen führten ein üppiges Schlemmer-leben und setzten sich über Glauben, Sitte und Anstand hinweg. Dabei hatte Philipp denEhrgeiz, wie in edlen Bestrebungen, so auch im Laster es allen zuvorzutun. Er verbrachtedie Nächte in wüsten Orgien und glaubte seine Kräfte durch den Trunk erneuern zu können,zerrüttete sie aber dadurch nur noch mehr; er kannte keine sittlichen Schranken und prahltedamit, daß ihn das Jenseits nicht kümmere. Seine Ausschweifungen stürzten ihn in einfrühes Grab. Wenige Monate nach dem plötzlichen Tode des Ministers Dubois wurde er 10. Aug. 1723in den Armen einer Geliebten durch einen Schlaganfall dahingerafft. „Die Dame verfiel 7. Dez. 1723in Wahnsinn; das Volk sah einen Faust in ihm, dessen Pakt mit dem Bösen in dieserStunde abgelaufen sei." Soll er doch gesagt haben, er glaube nicht an Gott, Wohl aberan den Teufel und habe versucht, sich mit ihm zu verbünden.
In der inneren Regierung schränkte der Regent die absolutistische InneresZentralisation ein wenig ein. Zum Dank für die Anerkennung seiner Regent-schaft gab er dem Parlament das Recht zurück, gegen die Edikte des Königsvor der Registrierung Vorstellungen zu erheben (ß 267), ferner errichtete ersechs Ratskollegien für verschiedene Zweige der Verwaltung und gestattete denStädten wieder die freie Wahl ihrer Beamten (§ 283). Mit Eifer widmeteer sich der schwierigsten Aufgabe, der Ordnung der Finanzen; wie in den ZeitenColberts (Z 266) wurde dazu eine besondere Kommission ernannt, die nun dieStaatsschuldscheine etwa auf die Hälfte ihres Wertes herabsetzte und gegen dieSteuerbeamten und Steuerpächter mit großer Strenge vorging. Indes dieNotlage wurde damit noch nicht gehoben. Da machte der Schotte John Law,den der Regent beim Hazardspiel kennen gelernt hatte, den Vorschlag, nach demMuster der Banken von London und Amsterdam eine Z ettelb ank zu errichten,um durch Ausgabe von Banknoten, hinter denen der Staatskredit stehe, denGeldumlauf zu erhöhen und so den Wohlstand zu steigern. Der Gedanke waran sich richtig. Law erhielt zunächst das Privileg zur Errichtung einer insPrivatbank auf Aktien; und diese erwarb sich durch gute Geschäftsführungschnell Vertrauen, befruchtete Handel und Verkehr und bewirkte, daß der Wechsel-zinsfuß von 30 Prozent auf 6, ja auf 4 Prozent herabging. Wegen dieserErfolge wurde die Bank bald in eine „königliche" umgewandelt. Das insUnheil begann, als Law zur Ausbeutung der Kolonie Louisiana (Z 274) dieMississippi-Gesellschaft gründete und in engste Verbindung mit der Bank Mllschastbrachte. Die Bank übernahm den größten Tei.l der Mississippiaktien; man erhofftevon dem Unternehmen fabelhafte Gewinne, ganz Frankreich kaufte die schnell imKurse steigenden Aktien. Die Bank erhielt die Generalpacht aller Steuern, dasTabaksmonopol, das Münzregal, übernahm den Senegalhandel (ß 274) underhielt das Privileg der in Verfall geratenen Ostindischen Kompagnie (§ 274).
Sie gewährte dafür dem Staate ein Darlehn von 1500 Millionen Livres zub Prozent und ermöglichte so dem Regenten die Tilgung seiner Schuldenund die Beseitigung der hochverzinslichen Staatsschulden, für die Banknotenund Mississippiaktien gegeben wurden; fortdauernd erfolgten neue Ausgabenuon Aktien und Banknoten. Ganz Frankreich war von einem Taumel erfaßt,bie Aktien stiegen auf das Zwanzigfache ihres ursprünglichen Wertes; alleDepositengelder wurden in Banknoten umgewechselt; schließlich betrug derchimärische Wert der Aktien achtzigmal so viel, als alles in Frankreich um-laufende Geld.