600 Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (1660—1740). Z 350.
werden; die militärische Organisation der Militärgrenze (§ 181) blieb bestehen,und es wurden neben Serben und Albanesen auch deutsche Ansiedler heran-gezogen. In religiöser Beziehung hielt man an den katholischen Tendenzenfest: nicht bloß durch den Salzburger Erzbischof Firmian wurden die Protestantenverfolgt (8 350), auch in den österreichischen Alpenländern wurden sie bedrücktund selbst in Schlesien trotz des mit Karl XII. getroffenen Abkommens (8 323).Es herrschten eben die Jesuiten, und diese drangen auch nach Ungarn und Sieben-bürgen und beeinträchtigten hier die Protestanten, obgleich deren Rechteverfassungsmäßig (§ 307) gesichert waren. Im ganzen war das innereLeben in Österreich einer Stagnation verfallen; das Heer war schlecht gerüstetund hatte sich in dem letzten Türkenkriege seit Eugens Tode nicht mehr bewährt,die Finanzen waren in Zerrüttung.
Am 20. Oktober 1740 starb Karl VI. Seine Tochter MariaTheresia (geb. 13. Mai 1717) hatte eine vielseitige Bildung genossen undsich am 12. Februar 1736 mit Franz Stephan von Lothringen vermählt;für ihre große Aufgabe war sie am meisten gerüstet durch ihre natürlicheBegabung und ihre Arbeitslust.
Friedrich I. H 350. Preußen unter Friedrich Wilhelm I. Friedrich I. hattedurch die Erwerbung der Königskrone kundgetan, daß der Staat des
g-st.W.F-br. Großen Kurfürsten über die Stellung eines deutschen Territorialfürsten-tums hinausgeschritten war, hatte dem neuen Königshofe einen besonderenäußeren Glanz verliehen und Berlin zum Sitz von Kunst und Wissen-schaft erhoben (H 302). Durch all das, in Verbindung mit der leicht-fertigen Verwaltung Wartenbergs (8 302) und der Teilnahme amSpanischen Erbfvlgekriege, waren die Finanzen des Staates stark in An-spruch genommen.
WUhein?!. Sein Sohn Friedrich Wilhelm I. war von ganz anderer Geistes-
ni3-n4o'art, als der Vater. Eine gesunde, derbe, rauhe Soldatennatur, allemäußeren Schein und feineren Schmuck des Lebens abgeneigt, den Blickauf das Nächstliegende, Praktische gerichtet, voll einfach bürgerlicher Tugend,sparsamer Wirtschaftlichkeit und patriarchalischen Sinnes in einer Zeit,wo Volksbedrückung und Genußsucht als das gute Recht der Fürsten an-gesehen wurde, ein Mann von nüchterner Realität, unzugänglich für dieLockungen einer weitausgreifenden, ehrgeizigen Politik: so hat FriedrichWilhelm I. die Kräfte gesammelt, die es seinem Sohne ermöglichten,seinen Staat zur europäischen Großmacht zu erheben und die damit ver-bundene schwere Prüfungszeit zu bestehen.
Hofleben Das Hofleben änderte sich vollständig: es wurde bürgerlich. Alles, wasan Luxus grenzte, wurde verbannt, die Dienerschaft auf das Notwendigstebeschränkt, jeder überflüssige Aufwand vermieden. Kleidung und Hausgerätewaren einfach; die Juwelen und kostbaren Gerätschaften, die der Vater erworbenhatte, verkaufte der Sohn und bezahlte von dem Erlös die Schulden. DieMahlzeiten bestanden aus Hausmannskost, die Königin und die Prinzessinnenmußten sich mit häuslicher Arbeit beschäftigen. Der König hielt auch die anvielen Höfen herrschende Sittenlosigkeit fern und blieb seiner Gemahlin treu;aber diese und die Prinzessinnen litten unter dem tyrannischen Hausregimentdes Königs sehr, und seine Tochter Wilhelmine (mit Friedrich von Bayreuthvermählt) hat sich in ihren Memoiren dafür gerächt. An Stelle des geist-reichen Kreises, den Friedrich I. und seine Gemahlin um sich versammelt hatten,trat das Tabakskollegium. In einem einfachen Zimmer saßen der König undseine Freunde auf hölzernen Schemeln, rauchten aus Tonpfeifen, tranken schweresBier und trieben oft recht unfeine Scherze. Zu diesen Freunden des Königs