§ 360. Achtes Kapitel: Literatur von 1660 bis 1740 <1800). Kunst des Rokoko. gZl
Bahrdt die Freigeisterei und den Materialismus der französischen Philo-sophen, entkleideten die Glaubensurkunden ihres ehrwürdigen Charakters undzogen sie ins Gemeine herab.
Die Mitglieder der gemäßigten Schule gehören sämtlich der Hochschnllehrerschaft an.Semler, der Begründer der geschichtlichen Bibelkritik, war Professor der Theologie inHalle, der vielgeehrte, wissenschaftlich hervorragende, auch als Orientalist namhafte Michae-lis in Göttingen, der als Kanzelredner gefeierte Mosheim erst in Kiel, dann in Helmstedtund zuletzt in Göttingen. Unter rationalistischem Einflüsse steht seine Sittenlehre derHeiligen Schrift, ebenso seine Kirchengerichte (s. vorher), mit der er für Planck inder Geschichte des protestantischen Lehrbegriffs und diesen Zweig der Wissenschaftüberhaupt vorbildlich geworden ist. Ernesti, «der deutsche Cicero", wie er wegen seinesmustergültigen Lateins genannt wurde, kam vom Studium des Altertums zum Rationalismus,der ihm die philologische Bibelerklärung verdankte. Der letzten Humanisten einer, war ererst Rektor der Thomasschule, dann Professor in Leipzig. Anerkannt sind seine Verdiensteals Herausgeber klassischer Schriftsteller und als Jugendbildner (Z 364, 2).
All diese Männer achteten die Offenbarung, wollten sie aber auf Vernunftgründen; sie hielten die Bibel heilig, benutzten jedoch zu ihrer Erklärung dieHilfsmittel der Wissenschaft: Sprachforschung, Kritik, Altertumskunde usw.,womit sie freilich die Heilige Schrift auf eine Linie mit anderen Werken derVergangenheit stellten.
Die Berliner Theologen und Moralphilosophen waren im Kampfemit der Freigeisterei des Hofes selbst Freidenker geworden, ohne sich doch vomprotestantischen Lehrbegriffe loszusagen. Auch sie strebten den Offenbarungs-glauben mit der Vernunft und mit den Tatsachen in Übereinstimmung zu bringen.Zu diesem Zwecke unterschieden sie zwischen wesentlichen Lehren des Christen-tums und dem, was Schulgelehrsamkeit hinzugefügt habe. Den englischenDeisten (ß 361) hatten sie ferner die Kunst abgelernt, durch faßliche Behandlungund gefällige Sprache weitere Kreise für religiöse Erörterungen zu erwärmen.Das war ihr großes Verdienst, größer noch das andere, daß sie die christlicheLehre dem gesunden Menschenverstände einleuchtend und die christliche Moralzur Richtschnur des Handelns machten. Daß sie dagegen nicht über ein bloßesVerstandeschristentum hinausgekommen sind, das lag an ihrer mißverständlichenAuffassung der Vernunft, deren Herrschaft auf Kosten des Gemüts, der Ahnungund der Phantasie errichtet wurde.
Im Vordertreffen der Berliner fochten der namentlich von Shastesbury E 361) ab-hängige Oberkonsistorialrat Spalding und der ebenfalls stark von den Engländern beein-flußte Oberhofprediger Sack, ein Schüler Wolffs. Beiden stand die Offenbarung erst inzweiter Linie nach der Vernunft, der sie als eine Art „Fernglas" sonst unerkennbare Wahr-heiten erst erschließe. Beide schieden ferner alles Übernatürliche, alle Wunder usw. alsMenschenwerk aus der Offenbarung aus und sahen endlich das Wesen des Christentums in einemsittlichen Wandel. Ihnen stand der Konsistorialprüsident Jerusalem nahe. Viel weiterführten dagegen kritische Anlage und durchdringende Denkkraft den vielgenannten Verfasserder Wolfenbütteler Fragmente (8 421), Samuel Reimarus, der als Ghmnastal-Professor in seiner Geburtsstadt Hamburg lebte. Rücksichtslos legte er den Widerspruch dergöttlichen Offenbarung mit den Forderungen der Vernunft dar. Die Dreieinigkeit bliebihm unfaßbar. Die Höllenstrasen vermochte er nicht mit der Güte Gottes zu vereinen.Die messianischen Weissagungen, den Ursprung deS Christentums nach seiner Ansicht, deuteteer auf die jüdische Erwartung eines weltlichen Fürsten und eines neuen Reiches. Ander-seits kämpfte er überzeugt für den Deismus (Z 361) gegen Gottesleugner aller Art, und daspersönliche Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele galten ihm als unumstößlicheWahrhtzffxn, Von seinen Schriften ist die Apologie oder Schutzschrift für die ver-uünftigen Verehrer Gottes, von der einzelne Abschnitte unter dem Titel Wolfen-vütteler Fragmente durch Lessing von 1774 an der Öffentlichkeit bekannt wurden, diebedeutendste. Der Sturm, den sie weckte, sprach verständlich für ihre Bedeutung.
Eine Art Mittelpunkt für diese Bewegung und den ganzen rationalistischenKreis bildete die 1765 begründete Allgemeine deutsche Bibliothek desBuchhändlers Christian Friedrich Nicolai in Berlin.
Semler
1725—1791
Michaelis
1717-1791
Mosheim
1694-1755
Planck
1751—1833
Ernesti
1707-1781
Spalding
1714-1804
Sack
1703—1786
Jerusalem
1709-1789
Reimarus
1694-1768