Band 
Dritter Band.
Seite
713
JPEG-Download
 

H 392. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution. 713

Sprache nach Montesquieus Grundsätzen verfaßte, ganz philosophisch gehalteneAnweisung vor; doch ist aus der Sache nichts geworden. Ihr HoflebenSchaltete Katharina sehr glänzend, gab aber, wie ihre französischen Vor-bilder, ihrer Sinnlichkeit schrankenlos nach; sie wechselte schnell ihre Liebhaberund diese spielten in Petersburg eine ähnliche Rolle, wie in Paris die Maitressen.

Ihr Lieblingssitz war Peterhof, das das russische Versailles werden sollte; außer-dem baute sie Zarskoje Selo als glänzenden Fürstensitz.

Neben der vielseitigen Tätigkeit im Innern beschäftigte sich Katharinaeifrigst mit der auswärtigen Politik. Die Stellung, die sie amSchluß des Siebenjährigen Krieges einnahm, kennen wir schon 386),die holsteinschen Pläne ihres Gemahles gab sie auf; in Kurland ersetztesie den sächsischen Herzog Karl durch den aus der Verbannung zurück-gerufenen Biron (K 249); vor allem wichtig aber wurde die polnischeund orientalische Frage

8 392. Die polnische Königswahl und der Anfang des erstenTürkenkrieges Katharinas II. Der Ausgang des Siebenjährigen Kriegeshatte Friedrich den Großen von der Unsicherheit der englischen Freundschaftund von dem Wert guter Beziehungen zu Rußland überzeugt. Er wünschteein Bündnis mit Rußland als Gegengewicht gegen das fortdauerndefranzösisch-österreichische Einvernehmen (§ 389). Da war nun die wichtigsteFrage die der polnischen König Wahl. Noch bevor August III. ge-A"KUgstorben war, hatte Katharina die Wahl eines „Piasten", d. h. eines Ein-heimischen, gefordert und als ihren Kandidaten den Stanislaus AugustPoniatowski bezeichnet, der der russisch gesinnten Partei der Czartorhski,der sogenannten „Familie" (Z 348), angehörte und als polnischer Gesandterin Petersburg ihr Günstling gewesen war (Z 390). Gegen ihn traten alsBewerber auf zuerst der sächsische Kurfürst Friedrich Christian, dann nachdessen schnellem Tode (17. Dezember 1763) sein Bruder, der Prinz Xaver;schließlich stellten, da die sächsische Bewerbung aussichtslos erschien, dieGegner Rußlands und der „Familie", die sich als Patrioten bezeichneten(zu ihnen gehörten auch die Potocki und Radziwill), ebenfalls einenPiasten, den Großkronseldherrn Branicki, als Kandidaten auf. Weil nundie Möglichkeit vorlag, daß diese Kandidatur in Paris und Wien Unter-stützung fände, schloß Katharina Bündnis mit Friedrich demGroßen; beide versprachen sich Waffenhilfe, falls sie angegriffen würden, Bündnisund Förderung der Wahl Poniatowskis. ^

Nun wurde, nachdem die Patrioten von russischen Truppen besiegtworden waren, Stanislaus Poniatowski auf einem nur von seinerPartei besuchten Reichstage einstimmig zum K ö n i g erhoben. Natürlich i-Sept-iisiwurde dadurch Polen ganz von Rußland abhängig. Rußland und Aniat°w"kiPreußen waren aber auch übereingekommen, für die Rechte der Dissidenten(der Protestanten und griechisch-russischen Katholiken) einzutreten; Katha- ' ^rina wollte sich damit zugleich die Sympathien der Nationalrussen(8 391) gewinnen. Da nun der polnische Reichstag die Aushebung derLegen die Dissidenten gerichteten Gesetze (ß 348) verweigerte und zu-dem Poniatowski den Versuch machte, gegen Rußlands Willen eine denpolnischen Staat stärkende Versassungsresorm (Aushebung des Inboruinvoio) durchzuführen, so bildete Rußland die Konföderation (vgl. P°le»dazu Z 348) vonRadom- Es hatte sogar seinen früheren Gegner, 3 -»»Karl Radziwill, gewonnen und war nun tatsächlich der Herr Polens.