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Fünftes Buch: Das Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus.
8 391.
Ziele:
s) Westeuro-päischeKultur
d) Erweite-rung desReiches nachWesten undSüden
Innere
Politik
15/16. Juli1761
1767
Argwohn betrachtet, von übermütigen Magnaten umgeben, wegen ihrerSinnenlust von böser Nachrede getroffen, bedurfte sie der ganzen Klugheitund Energie einer zum Herrschen geborenen Natur, um sich als Selbst-herrscherin zu behaupten und ihre großen Ziele zu erreichen. Sie warauf den Thron gekommen unter Benutzung der altrussischen Strömungen;trotzdem hat sie sich dem Altrussentum nicht dienstbar gemacht, sondern hatwie Peter der Große die westeuropäische Kultur gefördert; sie warsogar Anhängerin der Aufklärung und hat, soweit das in Rußlandmöglich war, in deren Geiste regiert. Bedeutungsvoller noch war ihre aus-wärtige Politik; auch hier schritt sie aus Peters Bahnen weiter und suchtedas Reich nach Westen und Süden zu erweitern. Bei der Ohnmacht Polensschien es nicht unmöglich, dieses Land ganz in das russische Machtgebiethineinzuziehen, und dazu gesellte sich die große Aufgabe, die Türkei ausder Balkanhalbinsel zu verdrängen. Die Rivalität der Nachbarmächtehat diese Ziele nicht voll erreichen lassen; aber es wurde doch der größteTeil Polens und die Nordküste des Schwarzen Meeresrussisch, und zugleich übernahm Rußland, was viel mehr war, an StelleÖsterreichs oder wenigstens neben Österreich den großen weltgeschichtlichenGedanken der Befreiung der christlichen Balkanvölker.
Nach ihrer Thronbesteigung mußte Katharina sich zuerst als echte Russinzeigen. Die holsteinschen Truppen ihres Gemahls wurden heimgeschickt, in allehohen Stellungen wurden Russen berufen, Peters Verfügungen über die Kirchen-güter zunächst aufgehoben. Dabei war Katharinas Thron nicht ungefährdet.Peters III. blutiger Schatten hat sie ihr lebelang verfolgt, und viele Russenerblickten in dem von Elisabeth entthronten Iwan (H 347), der allerdings indem Gefängnis von Schlüsselburg längst dem Irrsinn verfallen war, den recht-mäßigen Zaren. Als Leutnant Mirowitsch den Versuch machte, Iwan zubefreien, wurde dieser von seinen Wächtern ihrer Instruktion gemäß getötet.Seitdem fühlte sich die Zarin einer schweren Sorge ledig und trat entschiedenermit ihren Reformgedanken hervor. Reichbegabt, hatte sie schon als Groß-fürstin die Werke der französischen Aufklärer gelesen, stand mit ihnen im Brief-wechsel und ließ sich durch Baron Grimm (Z 362) über die französischen Salonsberichten; sie förderte die Herausgabe der Enzyklopädie, rief Diderot nach Peters-burg (§ 362) und bezeichnete sich als „im Herzen Republikanerin". So suchte siedenn den Kulturzustand Rußlands im Sinne Westeuropas zu heben. Sieentsandte junge Russen auf ausländische, namentlich deutsche Hochschulen, um siedann in der Heimat anzustellen, gründete in Petersburg eine Erziehungsanstalt fürTöchter höherer Stände und rief Schulen und Wohltätigkeitsanstalten ins Leben.Für den Volksunterricht geschah allerdings nichts; dem widersprach schon dasInteresse des Adels, der sich auch entschieden allen auf Milderung der Leibeigenschaftgerichteten Bestrebungen widersetzte. Nur auf einigen Krongütern löste Katharinadie Fesseln der Leibeigenschaft; dazu gründete sie bei Petersburg und an derWolga (Samara) deutsche Bauernkolonien, die bald zu hoher Blüte gediehen.Der Kirche gegenüber kehrte sie bald zu dem Verfahren des Gemahls zurück,indem sie die Verwaltung der Kirchengüter einem „Ökonomiekollegium" übertrug.Um dieZentralverwaltung zu bessern, zerlegte sie den Senat in sechs Ab-teilungen mit getrennten Geschäftskreisen und schuf einen „geheimen Staatsrat"und ein „Kabinett"; dadurch wurde zugleich der zarische Absolutismus erhöht. DieLokalverwaltung sollte aus der 1774 erfolgten Vermehrung der Zahl derGubernien, die also kleiner wurden, Nutzen ziehen. Ganz eigenartig war derPlan, von einer nach Moskau berufenen Reichsversammlung, in der Ver-treter aus dem ganzen Reiche (auch Samojeden) saßen, ein einheitliches Gesetz-buch schaffen zu lassen: Katharina legte dazu eine von ihr in französischer