8 398. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution.
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Josephs
Reformen
1787
lichkeit an das Haus Habsburg ging hier also nicht sehr tief: um so fester hielt man anden alten verbrieften Einrichtungen. Ein Statthalter und ein Minister repräsentierten denKaiser und leiteten die Verwaltung, aber jede Provinz hatte ihre eigne Verfassung; unterdiesen Verfassungen war die bei der sogenannten llo^suss eutres von jedem Landesherrn,auch von Joseph II., beschworene Verfassung Brabants die berühmteste. Die Stände dereinzelnen Provinzen mußten bei allen wichtigen Fragen, besonders in betreff der Abgaben,zu Rate gezogen werden, die Regierung befand sich in den Händen eingeborner Beamten, diemeisten Landschaften hatten eigene unabhängige Obergerichte, von denen besonders der GroßeRat von Brabant in hohem Ansehen stand. Sehr mächtig war die reiche Geistlichkeit,die den Unterricht leitete und auf das Volk einen unbegrenzten Einfluß übte.
In dieses klerikal-partikularistische Staatswesen, das Maria Theresia beiihren in Österreich vorgenommenen Reformen unberührt gelassen hatte, wagtenun Joseph einzugreifen, um einen freieren Geist zur Geltung zu bringenund eine straffere Zentralisation der Regierung herbeizuführen. Ererschwerte, wie in Österreich, die Verbindung des Klerus mit Rom, verkündeteToleranz, zog Klöster ein, beschränkte die Werkheiligkeit, nahm eine durchgehendeünterrichtsreform, besonders an der Universität Löwen, vor und gründete hierein Generalseminar. Sodann teilte er das ganze Land in neun Kreise mit eben-soviel Intendanten, errichtete einen obersten Regierungsrat und vereinigte alleGerichte unter einem einzigen höchsten Justizhofe in Brüssel.
Alsbald gab sich der Unwille durch eine allgemeine, vom Klerus und Adel Aufstandangeführte und von roh m Pöbelexzessen begleitete Empörung kund. Die Stände Evon Brabant verweigerten die Steuern, bis die Neuerungen abgestellt seien; dieStädte errichteten eine bewaffnete Bürgermacht, um die Herstellung des altenZustandes zu erzwingen. Da der Kaiser im fernen Osten weilte und alsBundesgenosse Rußlands unmittelbar vor einem Kriege mit den Türken stand(8 413), so versprach das bestürzte Statthalterpaar (Josephs Schwester MarieChristine und ihr Gemahl, Herzog Albert von Sachsen-Teschen) in seiner Rat-losigkeit die Wiederherstellung der alten Ordnung. Allein Joseph versagte seineEinwilligung. Infolgedessen brach der Unwille von neuem los: die aristokratisch-klerikale Partei vereinigte sich mit der demokratischen zu gemeinsamem Wider-stände, jene geleitet von van der Noot, diese von Vonck beeinflußt, zweiAdvokaten am souveränen Rate von Brabant. Beide Führer entwichen über dieGrenzen, sammelten in Breda und Lüttich zahlreiche Emigranten um sich undübertrugen einem ehemaligen Offizier, van der Meersch, die militärischeLeitung. Großen Eindruck machten diese revolutionären Vorgänge in Frankreich,und als nun van d?r Meersch mit den Insurgenten in Brabant einbrach undom österreichischen Truppen bei Turnhout eine Schlappe beibrachte, erhob sich es. O». iissNanz Flandern, Brabant und Hennegau: das Statthalterpaar ging nach Bonn, D-,. irssund die österreichischen Truppen räumten Brüssel. Anfang des nächsten Jahreskonstituierten sich die Generalstände nach französischem Vorbilde (IV, Z 6) als»Bereinigte belgische Staaten", erklärten sich für unabhängig und richteten Zan. ivsoAnen „souveränen Kongreß" ein. Nun aber löste sich die unnatürlicheBerbindung der beiden Parteien, und der Klerus und die in seinem Dienste Juni 1790handelnde große Masse richteten ihre Wut gegen die Vonckisten; sie wurdenbedroht und mißhandelt, ihre Häuser geplündert: bald hatten die Klerikalendie Oberhand gewonnen. „Wie schade", rief Camille Desmoulins in Paris aus,
»baß diese Pfaffen die brabantische Revolution so verderben".
Die Vorgänge in Belgien wirkten auf die übrigen Habsburgischen Lande nngar»zurück. Überall wuchs die Opposition gegen die Reformen des Kaisers, am?"Aston in Ungarn; hier weigerte man sich sogar für den ohne Zustimmunges Reichstages begonnenen Türkenkrieg Opfer zu bringen: Joseph sah sich ge-fugt, den Üngarn die Wiederherstellung ihrer alten Verfassung zuzugestehen. 28.Jan.i7so» Unter dem Eindruck der Mißerfolge seiner inneren und äußeren Politik ist derälser bald darauf gestorben. Am tiefsten traf ihn das Mißlingen seiner
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