Z 412. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution. 75 Z
bewirkte die Entlassung Bernstorffs und wurde allmächtiger Minister, der auch ohneUnterschrift des Königs Kabinettsbefehle erlassen durfte. Strueusee war unbedingter An- 1771Hanger der Ausklärung und trat nun als eifriger Reformer auf.
Er besserte die Verwaltung, indem er die Beamtenstellen nicht nach der ReformenGeburt, sondern nach wissenschaftlicher Befähigung besetzte, gewährte den Richternfeste Besoldung statt der Sporteln, vereinfachte und verbilligte den Prozeßgang,hob die Finanzlage durch Verminderung der zahlreichen Pensionen und durchAufhebung der kostspieligen Garde, schuf für Kopenhagen eine neue Stadt-verfassung, beseitigte Monopole, Zünfte und Innungen, regelte die Frondiensteder Bauern, verwandelte alle Naturallieferungen in Geldabgaben, milderte diestrenge Kirchenzucht und gewährte volle Preßfreiheit.
All das war an sich heilsam; indes Struensee verfuhr zu schnell, indem Sturzer in 1^/2 Jahren 600 Kabinettsbefehle erließ, und trat zu rücksichtslos auf. ^tru-nseesDaß der Adel und die Geistlichkeit den Emporkömmling und Freigeist haßten,ist selbstverständlich, aber er verletzte auch das nationale Empfinden des Volkesdurch Anwendung der deutschen Sprache, und dazu erregte sein Liebesverhältniszur Königin allgemeinen Anstoß. So konnte eine Verschwörung des AdelsErfolg haben. Nach einem Hofball eilten die Verschworenen an das Bett desKönigs, erklärten, Struensee trachte ihm nach dem Leben, und enthüllten sein 17 .Jan. 1772Verhältnis zur Königin; dadurch bewirkten sie, daß Struensee verhaftet, dieKönigin nach der Festung Kronberg verwiesen wurde. Struensee und seinFreund Enevold von Brandt wurden dann grausam hingerichtet, obgleich W.ApruiMzihnen ein Komplott gegen den König nicht nachgewiesen werden konnte; dieKönigin wurde geschieden und starb nach einigen Jahren in Celle. 10 . Mai 177 s
Nach Struensees Sturz bemächtigte sich des Königs Stiefmutter, Julianevon Braunschweig, der Regentschaft und ließ durch den Staatssekretär OveGuldberg die Neuerungen abstellen. Das Guldbergsche Regiment war zugleicheine Reaktion des Dänentums gegen den deutschen Einfluß;wegen seiner Gegnerschaft gegen Guldberg nahm auch der hervorragende Ministerdes Auswärtigen (§ 407), Graf Andreas Peter von Bernstorff, der Neffe sc. P.
des obengenannten I. H. Ernst, seine Entlassung (1780). Als Guldberg 1784von dem Kronprinzen Friedrich, der die Regierung für den ganz unzurechnungs-fähig gewordenen König führte, entfernt wurde, trat Bernstorff wieder in dasMinisterium ein und führte die dringend notwendige Befreiung desBauernstandes durch. Es war das für die wirtschaftliche Entwicklung desLandes sehr wertvoll; ihr kam auch zustatten der Aufschwung, den der dänisch-norwegische Zwischenhandel während der großen Seekriege nahm.
§ 412. Schweden seit 1771. Um dieselbe Zeit, wo in Kopenhagen «»!,»» m.die altdänische Adelspartei durch eine Palastrevolution der Reformtätigkeit ' ^ ^eines verhaßten Ausländers ein Ende machte, gelang es dem Könige vonSchweden, durch einen Staatsstreich, die Krone aus unwürdiger Abhängig-keit vom Adel zu erlösen. Wir wissen, daß der schwedische Adel seit 1720die Herrschaft an sich gerissen, und daß der König Adolf Friedrich nichtdie Kraft besessen hatte, hierin Wandel zu schaffen (8 345). Sein SohnGustav III. bestieg den Thron mit dem Entschlüsse, die alte Macht desKönigtums wiederherzustellen.
Als sein Vater starb, weilte Gustav, der dem französischen Wesen sehr zu-Bsrfafsungz-tzetan und ein Verehrer Voltaires war, in Paris. Er sicherte sich für seine Pläne "'"-rungdie Unterstützung des französischen Hofes, der dabei seinen verlorenen Einfluß"s Schweden wiedergewinnen wollte. Nach seiner Heimkehr suchte er denReichsrat, der Heer und Flotte zu seiner Verfügung hatte und in seinerMehrheit der russisch gesinnten Partei der Mützen (ß 845) angehörte, in Sicher-heit zu wiegen, indem er den Eid auf die bestehende Ordnung leistete; zugleichaber bereitete er in aller Stille deren Umsturz vor, in seinem Vorhaben bestärktWebsr-Baldamus, Weltgeschichte. 21 , Aufl. IIP. 48