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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
sonstigen Mittelpunkten des industriellen Lebens wohnen, kommen dieVorteile, die der moderne Verkehr den grossen Menschenansammlungengewährt, unmittelbar zu gute; die billigen Preise, das Streben nachGleichheit und gewisse soziale Empfindungen bringen es mit sich, dassman auch in diesen Kreisen ein treues Festhalten an alten Grundsätzen alsstumpfsinnige Gewohnheit verachtet; auch hier unterwirft man sich jenemfortwährenden Bedürfnisse nach Veränderung, das die Gesellschaftbeherrscht. Bei dem Landmanne dagegen bedingen die gesamten Lebens-verhältnisse eine viel grössere Beständigkeit ; ich habe bereits gezeigt,dass er von Natur ein konservativer, an seiner gewohnten Lebens-weise festhaltender Mensch ist. Seine Lebensgewohnheiten gehören geradeso fest zu ihm wie sein Land und sein Haus ; von seinen Vorfahren hater sie ererbt, und er gedenkt sie unverändert seinen Kindern wieder zuübermitteln. Wenn also die Mode, wie überall, so auch hier ihre Tyranneiausübt, so werden doch nur ganz unmerkliche Veränderungen im Laufeeines Menschenlebens herbeigeführt. Im Bauern spiegelt sich die Naturwieder, in deren Schoss er dahinlebt; man kann geradezu das DarwinscheGesetz von der Anpassung an die Umgebung auf ihn anwenden. Naturanon procedit per saltus, ist das Axiom der alten Philosophenschule, dasauch heute noch gilt: die Natur geht nicht sprungweise voran; allesentwickelt sich langsam und allmählich, und so zeigt sich auch bei demBauern, diesem Spiegelbilde der Natur, nur eine langsame und allmählicheEntwicklung.
Wie kommt es nun, dass die bäuerlichen Moden, obgleich sie so festund beinahe unveränderlich sind, doch so grosse Verschiedenheiten auf-weisen ? Wie erklärt sich die Thatsache, dass sie oftmals nicht nur vonGegend zu Gegend, sondern sogar von Dorf zu Dorf wesentlich voneinander abweichen ? Um darauf Antwort zu geben, müssen wir etwastiefer auf die Frage eingehen, in welcher Lage sich der Bauer ursprünglichbefand und welche Veränderungen diese sozialen Verhältnisse im Laufeder Jahrhunderte durchgemacht haben.
Ohne bis zur Urzeit zurückgehen zu wollen, mag hier nur daranerinnert sein, dass zu Beginn des Mittelalters das Leben des Bauern einersehr strengen Regelung unterworfen war, dass er aber andrerseits auchbestimmte Rechte besass, die ihm unsere heutige Wirtschaftsverfassungnicht mehr zugesteht. In jener Zeit war jedes Dorf von einem odermehreren weltlichen oder geistlichen Herren abhängig, denen es Abgaben