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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
Eine Hochzeit, bei der die Braut noch Anrecht auf die Kronehat, führt den Namen «Krönel Hochzit». Um der Wahrheit die Ehrezu geben, müssen wir beifügen, dass bei weitem nicht alle Hochzeitensolche ccKrönel Hochziten)) sind. Wir fühlen kein Bedürfnis, hier desnäheren uns über die ländlichen Sitten zu ereifern, möchten aberdoch bemerken, dass die Bauernmädchen lange nicht den Wert aufihre Tugendhaftigkeit legen, wie das zu wünschen wäre. Wenn diebeiden grossen Gewalten Liebe und Tugend in Frage kommen, mussdie letztere durch die religiösen Empfindungen, durch die Scheu vorgesellschaftlichen Anschauungen und durch die Einwirkung einer gutenErziehung stark geschützt sein, um allen Anfechtungen siegreich wider-stehen zu können. Man wird also immerhin nachsichtig sein müssengegen solche Verfehlungen, deren Folgen die Mädchen selbst zu tragenhaben, und nicht allzu viel Aufhebens davon machen, wenn einmalein armes Kind mit empfindsamem Herzen sich den Hof machen lässt,ohne jederzeit zu bedenken, vor welchen Gefahren es sich in Acht zunehmen hat. Wer getraut von sich selbst zu behaupten, dass er inmittenvon Versuchen und Gelegenheiten alle Anfechtungen jederzeit glorreichüberwinden würde ?
Sehr bemerkenswert ist die weitgehende Gleichgiltigkeit, mitder ein solcher Unglücksfall nicht nur von der Sünderin, sondernauch von deren Familie für gewöhnlich aufgenommen wird. Der Berufder Amme ist im ganzen genommen viel zu gewinnbringend und erfreutsich infolge dessen bei der ländlichen Bevölkerung einer viel zu grossenWertschätzung, als dass man das Aussterben dieses Standes zu befürchtenbrauchte. Wenn das «natürliche» Kind (in der «Welt, in der man sichlangweilt», fragt bekanntlich die Herzogin, ob nicht alle Kinder natürlicheseien) zur Welt gekommen ist, wird es von den Grosseltern übernommenund mit dem Saugfläschchen aufgezogen ; die Mutter aber giebt ihreBrust irgend einem Kinde in der Stadt, lässt sich von ihrem Lohnvorausbezahlen, was für den Unterhalt des eigenen Kindes notwendigist, und macht den begangenen Fehler dadurch wieder gut, dass sieihrer Familie finanziell an die Hand geht. Auch finden diese gefallenenMädchen nicht allzu schwer Gelegenheit, sich doch noch zu verehelichen,sei es, dass sie schliesslich von ihrem ersten Verführer geheiratetwerden, sei es, dass sonst ein gutmütiger Bursche kommt, der an derunbequemen Beigabe keinen Anstoss nimmt.