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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
lassen. In evangelischen Kreisen nimmt man gerne die Namen Adolph,Gustav oder Gustav-Adolph, Friedrich, Wilhelm und manchmal, insbe-sondere bei den Anabaptisten, auch Namen aus dem Alten Testamente wieBenjamin, David, Daniel und sogar Adam, der im Dialekt zu Adel wird.
Ganz allgemein endlich ist die Sitte verbreitet, die Namen derKinder in Verkleinerungsform zu rufen, und zwar bildet sich diese über-einstimmend durch Anhängen der Endung eie. So entsteht Josepheleaus Joseph, Sepp wird zu Seppele, Jakob zu Jaköbele, Andreas zuAndresele, Marie zu Mariele oder Meiele, Josephine zu Josephinele,Odilia zu Odilele, Karoline zu Karlinele u. s. w.
Wenn wir uns nunmehr von den bäuerlichen Vornamen zu denFamiliennamen wenden, so stehen wir vor der merkwürdigen Thatsache,dass in den Dörfern nur ganz wenige Leute unter ihrem wirklichenNamen bekannt sind. Der Name, mit dem der Bauer in dem Registerdes Standesamtes eingetragen ist, wird durch einen ganz anderen ersetzt,der ausschliesslich von den Dorfgenossen gebraucht wird. Wie oftist es mir schon begegnet, dass ich in einem Dorfe nach einem gewissenMeier oder Gross gefragt habe, ohne Auskunft bekommen zu können;der Meier und der Gross waren unter diesen Namen völlig unbekannt.Da bedurfte es nun langer und weitschweifiger Verhandlungen: ich musstedie Vornamen angeben, die ganze Persönlichkeit ausführlich beschreiben,ihr Alter, ihre Figur, ob sie korpulent oder mager sei, alle möglichensonstigen körperlichen Eigenschaften, selbst die Farbe der Haare unddie Zahl der Kühe spielten eine Rolle dabei, und dann endlich entdecktenwir, dass der Meier oder der Gross niemand anders seien als ds’Schulze-Mechels-Petert) und ttd’r Länze-Toni. » Der Bauer hat also zwei Namen :der eine ist allgemein bekannt, gehört ihm aber eigentlich nicht; derandere ist thatsächlich auf dem Standesamte eingeschrieben, aber sonstgänzlich unbekannt. Diese auffallende Erscheinung kommt daher, dass esin jedem Dorfe eine Anzahl Bauernhöfe mit ganz bestimmten «Hof-namen d giebt, die von einem auf den anderen Besitzer übergehen. EinHof heisst zum Beispiel «.s’Schulze-Mechels» ; wer diesen Hof besitzt,der mag heissen wie er nur will, für die Dorfgenossen ist und bleibt erGid’r Schulze-Mechel. 3)
Den Ursprung dieser Hofnamen aufzuklären, ist manchmal sehrschwer. Im allgemeinen aber hängen sie damit zusammen, dass dieseHöfe oft viele Generationen hindurch immer von dem Vater auf den